"Wir sind viele und wir könnten mehr"

Thomas Steiner

Von Thomas Steiner

Mi, 07. April 2021

Südwest

BZ-INTERVIEW:Johannes Fechner von der Kassenärztlichen Vereinigung fordert eine stärkere Verlagerung der Impfungen in Arztpraxen.

Die Arztpraxen können nun mit dem Impfen beginnen – in kleinem Umfang. Der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg ist das zu wenig. "Die zentralen Impfzentren sollen bis auf wenige notwendige Einrichtungen geschlossen und die Impfungen auf die Arztpraxen verlagert werden", verlangt sie in einer am Dienstag initiierten Online-Petition an den Bundestag. Thomas Steiner sprach darüber mit dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der KV Johannes Fechner.

BZ: Herr Fechner, warum beklagt sich die KV Baden-Württemberg in einer Petition?
Fechner: Wir sind der Meinung, dass die Regelversorgung schneller impfen kann als die Impfzentren und wollen den Druck erhöhen, das jetzt bald umzustellen.
BZ: Wie viele Impfungen könnten die niedergelassenen Ärzte schaffen?
Fechner: Wir sind viele. Wenn es gelänge, durch die 12 000 Hausarzt- und Facharztpraxen im Land die Zahl der Impfstellen nur auf 6000 zu erhöhen und jede nur 20 Impfungen am Tag macht, wären das am Tag schon 120 000 Impfungen. Die Impfzentren im Land schaffen 45 000. Wir könnten mehr, stattdessen wird der Impfstoff in die teurere Infrastruktur der Zentren geleitet.
BZ: Die wir aber erstmal gebraucht haben.
Fechner: Es war sicher sinnvoll, anfangs die Zentren aufzubauen, weil der Impfstoff von Biontech ultratiefgekühlt gelagert werden musste. Jetzt haben wir aber durch einen Modellversuch mit 40 Praxen im Land den Biontech-Impfstoff ausprobiert und es funktioniert auch bei uns. Im Moment wird den Impfzentren vom Bund eine kontinuierliche Impfstoffversorgung mit zwei Millionen Dosen in der Woche zugesagt und der Überstand, der von den Herstellern kommt, wird auf die niedergelassenen Praxen verteilt. Wir wollen auch Planungssicherheit haben. Wir verimpfen jede Herbstsaison in Baden-Württemberg zwei Millionen Grippeimpfungen und machen das völlig geräuschlos auch in Pflegeheimen und Behinderteneinrichtungen. Ein weiterer Vorteil: Die Praxen impfen wohnortnah und ohne nervige Anmeldung.
BZ: Die Impfzentren sind aber doch sowieso nicht auf Dauer angelegt.
Fechner: Bislang hieß es, die Impfzentren schließen am 30. Juni. Jetzt hat Bundesgesundheitsminister Spahn den 30. September ins Spiel gebracht. Und ich höre schon, dass einige Impfzentren im Land weiter laufen wollen, sofern es die Mietverträge erlauben. Ich möchte nicht sagen, dass ab morgen alle Zentren abgeschlossen werden sollen. Man muss es erstmal parallel laufen lassen, um Frequenz zu bringen. Das Land wird beobachten, wie gut es in den Praxen läuft, dann könnte es sich zurückziehen und die Impfzentren bis auf wenige zumachen.
BZ: Im Moment impfen nur die Hausärzte. Wollen Sie die Fachärzte auch bald einbeziehen?
Fechner: Ja. Wir gehen davon aus, dass Ende April soviel Impfstoff da ist, dass man das ausweiten kann.

Johannes Fechner (70) hat als Allgemeinmediziner in Emmendingen gearbeitet und ist seit 2011 stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KV Baden-Württemberg.