Tochter des Oberkircher Papierriesen Koehler

Katz erfindet den Bierdeckel neu

Peer Meinert

Von Peer Meinert (dpa)

So, 05. Mai 2019 um 15:02 Uhr

Wirtschaft

Die Tochter des Oberkircher Papierriesen Koehler zeigt, dass selbst in einem unscheinbaren Produkt viel Innovation stecken kann.

Es gibt Bierdeckel, die riechen nach Schokolade. Oder nach Apfel. "Neulich roch die ganze Firma nach Apfel", berichtet Karsten Beisert, Geschäftsführer The Katz Group im Nordschwarzwald. "Der Auftrag kam von einem Cidre-Produzenten." Man muss nur an der Pappe des Bierdeckels rubbeln, dann entfaltet sich der Apfelgeruch.

Es gibt auch Bierdeckel, in denen ist ein Mikrochip eingebaut. Hält man das Handy an den Chip, kann man etwa digital an einem Gewinnspiel teilnehmen. Andere Deckel unterhalten den Trinker mit Flirtsprüchen ("Du bist die wahre Ursache der Erderwärmung"), laden zum Mühlespiel ein oder zum Kreuzworträtsel.

Drei Milliarden Bierdeckel stellt das 300 Jahre alte Traditionsunternehmen Katz im Jahr her – weltweit produziere keine andere Firma mehr davon. Hauptsitz ist Weisenbach, ein 2500-Seelen-Nest im Murgtal. Hier werden 1,3 Milliarden Deckel produziert, der Rest in zwei Werken in den USA. "Die USA ist das Land mit der größten Abnahmemenge, gefolgt von Deutschland", sagt Marisa Zeltmann, Chefin der Marketingabteilung. Bei Geschäftszahlen bleibt das Unternehmen eher vage. "Die Katz Gruppe zielt auf 50 Millionen Euro Umsatz." 250 Mitarbeiter zählt das Unternehmen, 150 davon in Weisenbach.

Stärkste Konkurrenz und zweiter großer Spieler in Deutschland ist das Familienunternehmen Marienthaler in Schleiden-Gemünd – einem 4250-Einwohner-Teilort in der Eifel. Mehr als eine Milliarde Bierdeckel verlassen das Werk pro Jahr. "Wir verwenden reines Tannenholz, unsere Pappe kommt aus Schweden, aus eigener Fertigung", sagt Geschäftsführer Andreas Uhlmann. Den deutschen Markt teile man sich mit Katz "in etwa 50:50".

Bei Katz mag man das Wort Bierdeckel nicht mehr. Beisert, seit November neuer Geschäftsführer, spricht von "Untersetzern" oder auch "Getränkeuntersetzer". Das klingt etwas gestelzt, doch hinter der Wortwahl steckt Strategie: "Wir müssen innovativ sein und neue Märkte erschließen." Nicht nur Bier brauche Untersetzer, sondern auch Softdrinks, Kaffee und Tee, Wein und Cocktails. Die Papierservietten, auf denen häufig Cocktails serviert werden, sind Beisert ein Dorn im Auge. Hier müssten hochwertige, saugfähige Untersetzer her. Weitere Produkte seien etwa Schautafeln und leichte Hängeschilder, als Alternative zu den üblichen Materialien auf Mineralölbasis.

Papierverarbeitung hat Tradition im Murgtal, auch für Katz kommt das Holz aus dem Nordschwarzwald. Minderwertige Bierdeckel, so Beisert, bestünden aus Altpapier, bei ihm im Unternehmen dagegen nur aus Fichtenholz, natürlicher Stärke und Wasser – deshalb spreche man hier von Holzschliffpappe. "Nur so wird die extrem hohe Saugfähigkeit der Untersetzer erreicht." Bis zu 25 000 Tonnen Holzschliffpappe werden in Weisenbach pro Jahr hergestellt – mit dem Grundstoff werden auch die US-Werke versorgt. 1903 stellte Katz den ersten Bierdeckel "heutigen Formats" her, 1969 wurden erstmals eine Million pro Tag gefertigt.

Doch auch der Weltmarktführer machte Krisen durch, Ursache war unter anderem der sinkende Bierkonsum. 2009 musste Katz Insolvenz anmelden. "Holzfremde" ausländische Investoren versuchten ihr Glück, zeitweilig hing das Schicksal des Unternehmens am seidenen Faden, dann stieg der Papiermulti Koehler Paper Group aus Oberkirch ein, der mit Investitionen Katz wieder flott machte."Ich habe noch keinen besseren Bierdeckel gesehen als bei Katz", meint Christoph Müller-Stoffels, Leiter Marketing und Kommunikation der Koehler Paper Group. "Deshalb investieren wir hier." So wurde seit 2009 eine Anlage zur Wärmerückgewinnung, eine digitale Druckmaschine sowie eine neue 30 Meter lange Packstraße installiert.

Große Brauereien nehmen je nach Land zwischen 10 und 50 Millionen Untersetzer im Jahr ab, sagt die Marketing-Chefin – kleinere Brauereien zwischen ein und fünf Millionen. Als einer der ganz großen Kunden gilt etwa Heineken.