Ungewissheit

Wo spielen die Zweitliga-Handballerinnen der HSG Freiburg nächste Saison?

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

So, 09. Mai 2021 um 10:37 Uhr

Handball 2. Bundesliga

Sportlich steht der Abstieg der HSG Freiburg bereits fest. Doch ob die Red Sparrows kommende Saison in der dritten Liga antreten müssen, klärt sich am Grünen Tisch. Der Abstieg wäre ein herber Rückschlag – auch finanziell.

Raynald Thommen bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Seit fast zwei Jahrzehnten wirkt er bei der HSG Freiburg. Bei den Wurfkünstlern hat er fast jeden Job gehabt, war Spieler, Betreuer, Manager, Vorstand. Einst kam der Basler durch seine Frau zu den Handballerinnen.

Seit zweieinhalb Jahren ist der 39-jährige Lehrer mittlerweile erster Vorstand. "Eine herausfordernde Zeit", sagt Thommen. Das ist keine Untertreibung. 2019 stieg der Verein erstmals in die zweite Bundesliga auf. Als es in der Endphase der Premierensaison dann um die Wurst ging, sorgte die Pandemie im Frühjahr 2020 für den Abbruch der Runde.

Der Klassenerhalt ist wichtig für den Verein

Der Verband setzte den Abstieg aus. Seit gut neun Monaten schlägt sich Thommens Verein deshalb aktuell ohne Zuschauer durch seine zweite Zweitliga-Spielzeit. Sportlich war es aufgrund zahlreicher Verletzungen eine überaus schwierige Saison. Unter anderem fielen die beiden wichtigsten Spielerinnen aus, Torhüterin Lena Wiggenhauser und Offensivkraft Nadine Czok. Seit zwei Wochen steht der sportliche Abstieg fest. In den verbleibenden Spielen kann das Tabellenschlusslicht nur noch Ergebniskosmetik betreiben.

"Unsere letzten Auftritte waren nicht gut, obwohl Trainingsintensität und Eifer passen", sagt Trainer Ralf Wiggenhauser. Nach 16 Jahren als Chefcoach tritt er nach dem Saisonende ab. Er findet: "Seitdem der sportliche Abstieg feststeht, ist es zäh." Zuletzt blieben die Freiburgerinnen gegen Wuppertal sogar über 20 Minuten ohne Torerfolg. Zu ungefährlich, um in der 2. Bundesliga zu bestehen. Wiggenhauser weilt diese Woche auf einem Trainerprüfungslehrgang. Er hofft, "dass wir uns mit guten Auftritten aus der Saison verabschieden." In Igor Bojic ist sein Nachfolger bereits gefunden. Die Verantwortlichen sind froh, dass Leistungsträgerinnen wie Czok und Teamführerin Caroline Spinner dem Verein erhalten bleiben. Ein großer Umbruch bleibt den Red Sparrows wohl erspart. Die Langzeit-Verletzte Jessica Peter soll im Vorstand künftig Marketing-Aufgaben übernehmen.

Raynald Thommen indes hat derzeit viel zu tun. Gemeinsam mit Abstiegskonkurrent HC Rödertal hat die HSG Klage beim Bundessportgericht des Deutschen Handball-Bunds (DHB) eingereicht. Der Hintergrund: Der Bund hat eine Aufstiegsrunde aus der dritten Liga angesetzt. Die Saison dort war aber im Herbst ausgesetzt worden. Die HSG sieht eine sportliche Qualifikation daher nicht gegeben. Erschwert wird das Verfahren dadurch, dass die Handball-Bundesliga der Frauen (HBF) für die beiden obersten Spielklassen, der DHB aber für die unteren Ligen verantwortlich ist. Thommen ist sich sicher: "Der DHB hält sich nicht an sein Statut." Da der Bund nicht vor der Saison die Aufstiegsrunde angekündigt hatte, will die HSG einen Aufstieg nicht hinnehmen. Die erste Aufstiegsrunde ist aber bereits gespielt. Bei Redaktionsschluss stand noch nicht fest, wie das Bundessportgericht in der Sache entscheidet. Thommen: "Unsere Chancen schätze ich gering."

Er verschweigt nicht, wie wichtig es für den Verein wäre, die Klasse zu halten: Die Stadt unterstützt den Bundesliga-Betrieb mit einem mittleren fünfstelligen Betrag, Fahrkostenzuschuss nicht eingerechnet. "Wir brauchen diese Fördergelder. Nach der Corona-Saison ohne Zuschauereinnahmen müssen wir uns konsolidieren", sagt der erste Vorstand. Kommende Saison will der Verein zudem in der A-Jugend-Bundesliga antreten. Thommen ist einer, der stets das große Ganze sieht. Er sagt: "Wir sind mehr als nur der Bundesliga-Betrieb."

Der Handballverein hat aufgrund der Pandemie ein sportarmes Jahr hinter sich. In vielen Bereichen hat der Club auf Online-Angebote umgestellt. Seit letzter Woche dürfen die Jüngsten unter freiem Himmel wieder an den Ball. Trotzdem fürchtet Thommen: "Wir könnten eine Generationenlücke bekommen." Ein Jahr ohne Handball: Niemand weiß, wie sich das auf die Mitgliederzahlen auswirken wird. Nur gut, dass Raynald Thommen keiner ist, der schnell in Panik verfällt. Seine Ruhe kann die HSG in den diesjährigen Sommerplanungen gut gebrauchen.