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Woher stammen die Nazi-Relikte in Argentinien?

dpa

Von dpa

Do, 22. Juni 2017 um 00:01 Uhr

Panorama

Es war einer der größten Funde von Nazi-Relikten, der je gemacht wurde. Hitler-Büsten, Messer mit Hakenkreuzen und dergleichen wurden in Argentinien gefunden. Die große Frage lautet: Wem gehörten die Funde ursprünglich?

In argentinischen Medien ist schon die Rede davon, dass Adolf Eichmann oder Josef Mengele die Hitler-Büsten und Reichsadler nach Argentinien gebracht hätten. Noch nie sind dort so viele Relikte mit Bezug zum Nationalsozialismus aufgetaucht – das lässt nun die Fantasien blühen.

Eine Spur der Polizei führt nach Deutschland. Viele der in einem Vorort von Buenos Aires beschlagnahmten Objekte sind mit dem Fabrikationsstempel des 1865 gegründeten und damals auf Militärmesser spezialisierten Solinger Unternehmens Carl Eickhorn gekennzeichnet, unter ihnen ein großer Reichsadler mit Hakenkreuz auf einem Marmorsockel. Eickhorn produzierte damals viel für SA und SS. Er könne nicht ausschließen, dass es sich um Sonderanfertigungen für Nazi-Größen handele, sagt der heutige Firmenchef von Eickhorn, Martin Bardelle. "Wenn vom Kunden ein solcher Wunsch kam, wird man ihn wohl erfüllt haben." Es habe wohl auch Sonderanfertigungen für Adolf Hitler gegeben. Genauso gut könnten es aber Fälschungen sein. Leider sei das Firmenarchiv lückenhaft – Eickhorn war mehrfach insolvent.

Der 55 Jahre alte Händler in Argentinien muss sich nun vor der Justiz verantworten, es geht um den Vorwurf möglicher Nazi-Propaganda. Er beteuert aber seine Unschuld, da er die Dinge nicht weiterverkauft habe. Seiner Version nach hat er die Sammlung vor über 25 Jahren von einem Argentinier erworben. Er habe insgesamt 17 Sammlungen, darunter auch eine große Erotiksammlung, die unter anderem kunstvolle Dildos aus der russischen Zarenzeit umfasse.

Weltweit berichtet wird aber über seine Nazi-Sammlung: Große Hitler-Bilder, mit Hakenkreuzen versehene Reichsadler, Pistolen, Degen, Fern- und Vergrößerungsgläser wurden beschlagnahmt, auch Apparate zum Messen von Kopfgrößen. Und eine Lupe – zusammen mit einem Fotonegativ, das Hitler mit dieser Lupe zeigen soll, so die argentinische Zeitung Clarin. Ein angeblicher Händler hatte per Whatsapp Kontakt aufgenommen, ein Polizist. Bei einer Durchsuchung fanden sich dann in einem Raum hinter einer Schiebetür die 75 Devotionalien. In Berichten ist von einer Geheimtür die Rede, was aus Sicht des Händlers Quatsch sei. Es bestehe keine illegale Handlung dabei, meint er. Der reine Besitz sei keineswegs strafbar – er habe die Dinge privat gesammelt und ausgestellt – aber eben nicht verkauft. Die Frage, das Rätsel dahinter, lautet: Wer war der ursprüngliche Besitzer?

Nach Abschluss der Ermittlungen sollen die Relikte in die Sammlung des Holocaust-Museums der Hauptstadt aufgenommen werden, sagt Argentiniens Sicherheitsministerin Patricia Bullrich. Darum dürfte es noch juristische Auseinandersetzungen mit dem Besitzer geben.

In Argentinien wird viel spekuliert über die Hintergründe. Nazi-Mythen sind dort weit verbreitet. Es halten sich Gerüchte, dass Hitler 1945 zusammen mit Eva Braun in Wahrheit mit einem U-Boot nach Patagonien geflohen und erst viel später in Argentinien gestorben sei.

Fakt ist, dass die Mehrheit der damals Zehntausenden Deutschen in Argentinien Hitler verehrt hat – daher könnten die Utensilien auch ganz legal von damaligen Anhängern mit einem Schiff nach Buenos Aires gekommen sein. In einer Veranstaltungshalle der Stadt feierten im April 1938 rund 10 000 Sympathisanten des Hitler-Regimes mit großen Hakenkreuzfahnen und in Trachten den "Anschluss" Österreichs. Deutsche Schulen wurden 1933 gleichgeschaltet, die NSDAP-Landesgruppe Argentinien hatte regen Zulauf. Sie wurde aber Mitte 1939 verboten, nachdem vom britischen Geheimdienst Gerüchte gestreut worden waren, Hitler wolle Patagonien annektieren, um dort "Lebensraum" zu schaffen.

Für den Vorsitzenden des Dachverbandes Jüdischer Vereinigungen Argentiniens (DAIA), Areil Cohen Sabban, ist der Fall schon klar. "Die Objekte sind ein unwiderlegbarer Beweis dafür, dass ranghohe Nazi-Größen in Argentinien Zuflucht gefunden haben", meint Sabban. Es sei kein Zufall, dass die Relikte im selben Stadtteil gefunden worden seien, in denen der geflüchtete NS-Arzt Josef Mengele und Adolf Eichmann, der Organisator der Juden-Deportationen, nach dem Zweiten Weltkrieg gelebt hatten. Mengele flüchtete 1959 nach Paraguay. Eichmann wurde 1960 vom israelischen Geheimdienst entführt, in Israel vor Gericht gebracht und zum Tode verurteilt.