Lesung

Wolf Küper hat sich eine Million Minuten Zeit für eine Reise mit seiner Familie genommen

Jana Luck

Von Jana Luck

Do, 24. November 2016

Freiburg

Alles stehen und liegen gelassen, die Familie aber mitgenommen: Über seine fast zwei Jahre lange Reise hat Wolf Küper ein Buch geschrieben. In Freiburg hat er daraus gelesen.

Eine vielsprechende Karriere hatte er vor sich. Gutachten schreibend für die Vereinten Nationen, ein promovierter Biologe, unterwegs als Tropenforscher, auf der ganzen Welt. Jetset-Leben, gute Bezahlung, an jedem Flughafen kauft er eine neue Uhr. Für die Sammlung. "Das ist dann vorbei gegangen", sagt Wolfgang Küper heute. "Zum Glück."

Gerade ist sein erstes Buch erschienen. "Eine Million Minuten" heißt es und erzählt davon, wie er den Wunsch seiner vierjährigen Tochter Nina ernst nahm: Es war Vorlesezeit, abends, und Wolf Küper wusste, er hat nur noch zehn Minuten. Die To-do-Liste ruft. "Zehn Minuten?! Zehn Minuten für drei Geschichten? Du bist ja etwas verwirrt", sagt seine Tochter Nina. Und dann sagt sie, was der Auslöser ist für all das, was dann folgt: "Ach Papa, ich wünschte, wir hätten eine Million Minuten. Nur für die ganz schönen Sachen, weißt du?"

In dem Moment, sagt Wolf Küper, geht ein Riss quer durch das Selbstverständnis, mit dem er sein bisheriges Leben gelebt hatte. Er rechnet. 1440 Minuten hat der Tag. Eine Million Minuten, das sind also 694 Tage. Beinah zwei Jahre. Und dann die Frage: Wie wäre das, sich vom Leben eine Million Minuten zu nehmen? Jetzt?

Wolf Küper und seine Frau Vera entscheiden sich, genau das zu tun. Mit dem gerade erst geborenen "Mr. Simon" und der großen Schwester Nina – die das Leben der Familie durcheinander gewürfelt hat. Ob sie wusste, wie viel eine Million Minuten sind? Küper kann es nicht sagen. Sie kommt von einem anderen Planeten, sagt sie selbst. Auf Medizin-Deutsch übersetzt: Sie leidet an Ataxie, einer schweren Bewegungs- und Koordinationsstörung. Sie braucht länger als andere Kinder. "Lamsang", ist sie, wie sie sagt.

Wolf Küper, 43 Jahre, sportlich, das Haar lässig frisiert, ist der Typ Abenteurer. Helle Jeans, beigefarbenes Sakko, schwarzes Hemd, die obersten zwei Knöpfe nicht geschlossen. Statt Uhren trägt er an seinem Handgelenk ein Armband aus braunen Holzperlen. Die Sicherheit, die ein Gutachter für die Vereinten Nationen ausstrahlt, hat er sich behalten.

Zwischen Handtüchern und Nachtwäsche sitzt er im Bettenhaus. "Jetzt bin ich so viel gereist. Aber im Bettenhaus habe ich noch nicht gelesen, mit einem Seniorchef, der so schön das Klavier spielt." Passend zu Betten wolle Küper etwas zum Thema Träumen beitragen. "Schon komisch, wenn Kinder einen an die eigenen großen Träume von früher erinnern", sagt er. "Für die große Reise, die wir alle unbedingt machen wollen, warten wir auf den richtigen Tag, an dem wir alles haben: Zeit, Geld, Gesundheit, Freiheit", sagt Küper. "Die Eintrittswahrscheinlichkeit für diesen Tag liegt vermutlich bei eins zu einer Milliarde. Da ein durchschnittliches Menschenleben nur 30 000 Tage hat, kann es schon mal 3333 Leben dauern, bis man den Tag erwischt."

Der Autor packt seine Antworten gerne in Zahlen – auch bei der Frage nach der Finanzierung. "Eine Minute dieser meiner schönsten Zeit hat sieben Cent gekostet. Für die Reise haben wir 70 000 Euro bezahlt. Ein luxuriöser Mittelklassewagen kostet die Hälfte. Ein Vierpersonenhaushalt gibt in zwei Jahren 50 000 Euro aus. Und da fragt auch niemand: "Wie konntet ihr euch das denn leisten?"

Mittlerweile arbeitet Küpers Frau als Lehrerin. Wie geht es für ihn selbst weiter? "Ich würde gerne vom Schreiben leben", sagt er. Der neue Traum: Schreibend reisen.

"Eine Million Minuten", Roman, Random House, 256 Seiten, 19,99 Euro