WORTE ZUM TAG: Alleinsein kann schrecklich sein

Christian Lepper

Von Christian Lepper

Do, 09. April 2020

Waldkirch

Es ist eine seltsame Sache mit der geforderten und erforderlichen "Kontaktminimierung": In unserer allseits als individualistisch verschrienen Gesellschaft ist so eine Kontaktminimierung erstaunlich schwierig durchzusetzen. Eigentlich, so könnte man denken, sollten die Menschen jetzt froh sein, endlich als Individuum alleine gelassen zu werden. Niemand der sich ihnen nähert, keine unwillkommenen Einladungen, Betriebsversammlungen mehr, jeder darf, ja soll, ja muss für sich bleiben. Und wir merken, dass das gar nicht so einfach ist. Gerne sind wir individualistisch, wenn es denn Heerscharen von Menschen gibt, die im Hintergrund dafür sorgen, dass ich jederzeit alle meine Bedürfnisse stillen kann. Kontakt mit ihnen brauche ich, ja möchte ich nicht, aber dass sie da sind und alles funktioniert, das soll dann schon sein. Gerne sind wir individualistisch, wenn ich jederzeit, wenn die Einsamkeit drückt, auf eine Party gehen kann. Oder wenigstens ein bisschen "chatten" oder "whatsappen", und eine Antwort mir zeigt, dass ich nicht völlig egal bin. Auf einmal merken wir, dass wir doch mehr an den Menschen hängen, als wir es uns eingestehen. Allein-sein ist schön, wenn es gewählt, und schrecklich, wenn es erzwungen ist. Unser Mensch-sein hängt auch immer am anderen Menschen. Und auch diese Spannung finden wir in den 20 letzten Stunden des Lebens Jesu wieder: vom letzten Abendmahl mit seinen Freunden, denen er Brot und Wein bricht: "Für dich gegeben". Nicht: "Für mich genommen", in Selbstbedienung. Zum Geben braucht es den Anderen, auch zum Empfangen. Und dieses Schenken und Empfangen formt aus den Individuen den Menschen. Und dann am Kreuz, das Alleinsein, auf die Spitze getrieben: "Eli, eli, lama asabtani" – "Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" (Mt 27,46) ruft Jesus. Gottverlassen alleine – und doch schreit er ein "Du!" heraus. Wenn schon die Menschen nicht mehr da sind – wenigstens Gott sollte da sein. Antwort aber bekommt Jesus nicht, zumindest nicht sofort. Er geht den Weg bis zum bitteren Ende, erst am Ende zeigt sich, dass Gott doch da war. Anders. Und dass das "Du" nicht umsonst war. Weil es zu uns Menschen dazugehört. Weil Er zu uns Menschen dazugehört. Weil Er das Menschsein auf sich nimmt, und sich uns schenkt: "Für Dich gegeben".

Der Autor: Christian Lepper ist Pfarrer der Evangelischen Gemeinde Waldkirch.