WORTE ZUM TAG: Bandbreite der Gefühle

Christian Lepper

Von Christian Lepper

Sa, 04. April 2020

Waldkirch

Corona und Ostern – passt wie Faust auf’s Auge! Egal, ob man nun wegfahren wollte, am Ostersonntag im Familienkreis fröhlich einen Lammbraten genießen wollte, oder einfach an einem schönen Ort die Frühlingsnatur erleben wollte: So richtig geht das alles nun nicht mehr. Und was für die einen nur ein lästiger, aufgezwungener Verzicht ist, ist für die anderen dramatisch, wenn man nicht mehr vor der Einsamkeit in den eigenen vier Wänden flüchten kann. Und manch eine/n erwischt die Einsamkeit kalt, auch wenn da noch Menschen um einen herum sind. Viele Gefühle kommen und gehen im Laufe eines einzigen Tages durch mein Herz: Bewunderung für die vielen Menschen, die sich engagieren; Ärger, über die, die es immer noch nicht kapieren wollen; Sorge um die Menschen, die mir lieb sind; Freude über die Forsythie, die da vor gelben Blüten überquillt.

Diesen Widerstreit der Gefühle finde ich in der Karwoche wieder, die jetzt mit dem Palmsonntag beginnt. Von der Freude und Hoffnung auf ein Neues beim Einzug Jesu in Jerusalem, über das gemeinsame Festmahl, führt diese Woche auch zum Verrat unter Freunden, zum Versagen in der Freundschaft, zum Gefühl der tiefsten Gottverlassenheit und Verzweiflung.

Die ganze Bandbreite der Gefühle findet sich in dieser Woche wieder, und weil das auch unsere Gefühle sind, ist die Karwoche nicht nur ein historisches Erinnern, sondern ein Mit- und Durchleben unserer Menschlichkeit. Und dass unser Glaube auch Zweifel und Verzweiflung nicht ausklammert, sondern mit hineinnimmt in unsere Beziehung mit Gott. "Ich glaube, hilf meinem Unglauben" ist die Jahreslosung für 2020. Vor unserer evangelischen Stadtkirche, wollen wir diese Tage einen Ostergarten anlegen, mit Symbolen für die verschiedenen Gefühlsetappen.

Gerne dürfen Sie dazu beitragen, wenn Sie vor der evangelischen Kirche vorbeikommen: Eine Blume hinlegen für einen lieben Menschen, einen Stein beschriften mit dem, was uns auf der Seele lastet, ein kurzes Gebet sprechen, sein Leben vor Gott bringen, Fürbitte halten. Und wissen, dass wir mit allen unseren Gefühlen nicht allein sind, weil Gott selbst in Jesus Christus alle unsere Gefühle mitgelebt hat.

Der Autor: Christian Lepper ist Pfarrer der evangelischen Gemeinde Waldkirch.