Hochwasserkatastrophe

Zahl der Todesopfer steigt auf 93 – dramatische Lage in Erftstadt

AFP, dpa, BZ

Von AFP, dpa & BZ-Redaktion

Fr, 16. Juli 2021 um 10:11 Uhr

Panorama

Die Bilanz der Unwetterkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz fällt immer dramatischer aus: Mindestens 93 Menschen kamen ums Leben – allein in Erftstadt werden weitere Opfer befürchtet.

Allein in Rheinland-Pfalz ist die Zahl der Toten auf 50 gestiegen. "Die Befürchtung ist, dass es noch mehr werden", sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Koblenz am Freitagmorgen. Die Bergungsarbeiten liefen weiter. In Nordrhein-Westfalen sind mindestens 43 Menschen in den Fluten ums Leben gekommen.

Besonders dramatisch entwickelt sich die Lage in Erftstadt in Nordrhein-Westfalen. Im Ortsteil Blessem wurden ganze Straßenzüge unterspült, offenbar wurden mehrere Häuser weggerissen und stürzten ein. "Es gibt Todesopfer", sagte eine Sprecherin der Bezirksregierung Köln am Freitag. Von der Bezirksregierung verbreitete Luftbilder und Fotos von dpa-Fotografen zeigen Erdrutsche von gewaltigem Ausmaß.


Nach dem extremen Starkregen war der Fluss Erft über die Ufer getreten und hatte Teile des Stadtgebiets überflutet. In mehreren Ortschaften hatte es Evakuierungen gegeben. "Wir durchleben gerade eine Krise, deren Dimensionen heute noch nicht abschätzbar sind", hatte Landrat Frank Rock (CDU) am Donnerstag gesagt.

Wie viele Menschen insbesondere in der Region um Bad Neuenahr-Ahrweiler in Rheinland-Pfalz noch vermisst werden, konnte der Sprecher nicht genau sagen. Der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) hatte am Donnerstagabend davon gesprochen, dass das Schicksal von 40 bis 60 Menschen weiterhin ungeklärt sei.

Bei neun Todesopfern, die am Donnerstagabend geborgen worden waren, handelte es sich offenbar um Bewohner einer Behinderteneinrichtung in Sinzig. Die Menschen hätten sich nicht retten können, als der Pegel der Ahr in der Vornacht dramatisch anstieg, berichtete das Nachrichtenportal "t-online".

Das Ahrtal gilt als von der Außenwelt abgeschnitten. Die Gegend sei über keine Zufahrtsstraße mehr zu erreichen, teilte die Polizei mit. Die Zahl der als vermisst geltenden Menschen in Bad Neuenahr-Ahrweiler wurde von der Kreisverwaltung am Donnerstagabend mit rund 1300 angegeben. Eine Sprecherin erklärte das allerdings auch mit einem teilweise lahmgelegten Mobilfunknetz. Viele Menschen seien schlichtweg nicht erreichbar, über ihren Verbleib wisse man daher nichts.

Schlimm heimgesucht wurde auch der Kreis Euskirchen in Nordrhein-Westfalen. Dort kamen nach Angaben der Polizei vom Donnerstagabend mindestens 20 Menschen ums Leben.

Opferzahl höher als beim sogenannten Jahrhunderthochwasser

Es handelt sich um eine der größten Unwetterkatastrophen der Nachkriegszeit in Deutschland. Obwohl die Rettungsmaßnahmen noch voll im Gange waren, war die Zahl der Toten am Donnerstagabend bereits mehr als doppelt so hoch wie beim sogenannten Jahrhunderthochwasser des Jahres 2002, bei dem in Deutschland 21 Menschen starben. Wegen der Katastrophe sollen die Flaggen an öffentlichen Gebäuden in Rheinland-Pfalz am Freitag auf Halbmast hängen.

Das ganze Ausmaß der Schäden ist noch nicht überschaubar. In Nordrhein-Westfalen lief am Donnerstagabend um kurz vor Mitternacht die Rurtalsperre über, wie der Wasserverband Eifel-Rur (WVER) mitteilte. Deshalb sei mit weiteren Überschwemmungen am Unterlauf der Rur zu rechnen.
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Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) begann mit der Anfertigung von Satellitenbilder der Überschwemmungsgebiete. Die Aufnahmen sollen den Behörden bei der Katastrophenbekämpfung helfen. "Auf Anfrage der Länder Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen hat das BBK den Copernicus-Dienst für Katastrophen- und Krisenmanagement ausgelöst", sagte Vizepräsident Thomas Herzog dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Copernicus ist das europäische Erdbeobachtungsprogramm.

Überflutungen auch im Kanton Schaffhausen

Ebenfalls mit Hochwasser zu kämpfen haben die Nachbarländer von Deutschland. In der Schweiz stiegen Flusspegel nach heftigen Regenfällen stark an. Im Kanton Schaffhausen überschwemmten laut der Nachrichtenagentur Keystone-sda angeschwollene Bäche die Dörfer Schleitheim und Beggingen, die unweit vom Grenzübergang bei Stühlingen im Kreis Waldshut liegen. Wassermassen flossen durch Straßen, in Keller, rissen Fahrzeuge mit und zerstörten kleinere Brücken.

In Belgien kamen nach Angaben der Behörden mindestens neun Menschen ums Leben. In der niederländischen Provinz Limburg riefen die Behörde tausende Menschen auf, ihre Wohnungen und Häuser zu verlassen. Sie waren durch den steigenden Pegel des Flusses Maas bedroht.

"Ich fürchte, das ganze Ausmaß der Tragödie werden wir erst in den nächsten Tagen sehen." Angela Merkel
Kanzlerin Merkel sagte während eines Besuchs in Washington zur Lage in den Überschwemmungsgebieten: Wo der Bund helfen könne, "werden wir das tun". Sie zeigte sich geschockt von dem Desaster: "Das Leid der Betroffenen geht mir sehr nahe." Merkel richtete den Hinterbliebenen der Opfer ihr Beileid und den Einsatzkräften ihren Dank aus. "Ich fürchte, das ganze Ausmaß der Tragödie werden wir erst in den nächsten Tagen sehen", fügte sie hinzu.

US-Präsident Joe Biden sprach bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Merkel Deutschland seine "aufrichtige Anteilnahme" aus. Er sprach von einer "Tragödie" und betonte: "Unsere Herzen sind bei den Familien, die geliebte Menschen verloren haben."