Interview

"Ziele beim Flächenverbrauch müssen verbindlicher werden"

Klaus Riexinger

Von Klaus Riexinger

Do, 29. April 2021 um 16:34 Uhr

Südwest

Jeden Tag werden bundesweit rund 58 Hektar Fläche überbaut – in etwa 82 Fußballfelder. Detlef Grimski vom Bundesumweltamt sieht dennoch Fortschritte beim Kampf gegen den Flächenfraß.

BZ: Herr Grimski, die Siedlungs- und Verkehrsfläche in Deutschland hat sich in den vergangenen 60 Jahren mehr als verdoppelt, obwohl die Bevölkerung nicht im gleichen Maß zugenommen hat. Was sind die Wachstumstreiber?
Grimski: Das kann man so pauschal nicht sagen. Da Einfamilienhäuser einen Löwenanteil des Flächenverbrauchs ausmachen, hat es sicherlich auch mit Wohlstandswachstum zu tun. Entlang der Autobahnen kann jedermann gut beobachten, dass auch Gewerbeflächen einen großen Anteil haben. Logistikunternehmen mit großen Lagerhallen schätzen die Planungsfreiheit auf der grünen Wiese. Im Bau- und Planungsrecht gilt zwar der Grundsatz des sparsamen Umgangs mit Boden und Fläche. Letztendlich werden öffentliche und private Belange aber immer abgewogen – neben Umweltbelangen auch wirtschaftliche Belange und kommunalpolitische Interessen für die langfristige Gemeindeentwicklung.


BZ:
Und derzeit schlägt das Pendel eher wieder gegen Umweltbelange aus?
Grimski: Nicht unbedingt. Flächenverbrauch vermindern ist seit 2002 ein Schlüsselindikator der Nachhaltigkeitsstrategie. Richtig weit sind wir zwar noch nicht gekommen, es ist aber schon einiges passiert. Das Bau- und Planungsrecht wurde schon mehrfach geschärft, ist aber offenbar noch nicht durchschlagskräftig genug. Deshalb müssen die Ziele verbindlicher werden.


BZ:
Auch um zu verhindern, dass die Bundesregierung nicht, wie vor ein paar Jahren geschehen, ihr Flächenverbrauchsziel um zehn Jahre verschiebt.
Grimski: Das Ziel wurde nicht einfach verschoben, sondern fortgeschrieben. Es lautet nun unter 30 Hektar bis 2030 und perspektivisch bis 2050 sogar Netto-Null. Außerdem wurden noch zwei Zusatzindikatoren definiert. Das Bundesumweltministerium hatte übrigens schon 2016 20 Hektar pro Tag bis 2030 gefordert.


BZ:
Gibt es überprüfbare Zwischenziele?
Grimski: Offiziell nicht. Sie lassen sich aber leicht berechnen. Wenn die Bundesregierung den Flächenverbrauch bis 2050 auf null senken will, dann ergeben sich bei einer linearen Abnahme im Jahr 2030 die vom Bundesumweltministerium genannten 20 Hektar pro Tag.


BZ:
Neben dem Umweltschutz ist die Landwirtschaft Hauptleidtragender des Flächenverbrauchs.
Grimski: Ja. In den vergangenen 20 Jahren haben landwirtschaftliche Nutzflächen in dem Maße abgenommen, wie Siedlungs- und Verkehrsflächen zugenommen haben.
Detlef Grimski ist beim Bundesumweltamt für das Flächenmanagement zuständig.