Zu spät umgesteuert

Klaus Riexinger

Von Klaus Riexinger

Do, 09. September 2021

Südwest

Der verregnete Sommer trifft besonders den Bioweinanbau hart, damit aber die gesamte Branche.

Die zunehmenden Wetterextreme machen auch dem Weinbau zu schaffen. So hat der verregnete Sommer für einen enormen Pilzbefall in den Weinbergen gesorgt und Teile der Ernte vernichtet. Besonders ökologisch wirtschaftende Betriebe gerieten unter Druck, weil sie nur über begrenzte Schutzmittel verfügen. Damit steht aber der gesamte Weinbau im Land unter Druck. Schließlich sollen bis zum Ende des Jahrzehnts 30 bis 40 Prozent der Betriebe ökologisch wirtschaften.

Der Eichstetter Biowinzer Martin Schmidt schätzt, dass 50 Prozent seiner Ernte der Pilzkrankheit Peronospora – auch falscher Mehltau genannt – zum Opfer gefallen ist. Der beständige und teils starke Regen hat für den Pilz in diesem Jahr fast die ganze Wachstumsperiode über ideale Bedingungen geschaffen. Dem konventionellen Anbau stehen zur Bekämpfung der Pilzkrankheit Fungizide zur Verfügung, dem Ökoanbau aber nur Kupfer. Immerhin musste die Branche dieses Jahr nicht für Ausnahmeregeln kämpfen, die es ihnen erlauben, mehr als die vorgesehenen drei Kilogramm Kupfer pro Hektar auszubringen. Seit den Erfahrungen des starken Pilzbefalls 2016 hat die EU den Biobetrieben eine größere Flexibilität eingeräumt. Der strenge Umgang mit dem Schwermetall aber hat seine Berechtigung: Kupfer reichert sich im Boden an und beschädigt Flora und Fauna.

Kalium-Phosphonat, viele Jahre eine effektive zweite Waffe gegen Pilzkrankheiten, hat die EU dem Bioanbau 2013 aus der Hand genommen. Nicht aus Bosheit oder einer Laune heraus, sondern weil sich herausstellte, dass sich Phosphonat in den Pflanzen zumindest eine Zeitlang anreichert und somit für den Bioanbau unzulässig ist. Interessensverbände und Politik sind gegen das Verbot jahrelang in Brüssel sturmgelaufen. Er habe sich dabei nur eine blutige Nase geholt, sagte Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) am Dienstag in Müllheim-Britzingen als Gast des Badischen Weinbauverbands und gab damit zu verstehen, dass ein weiterer Kampf zwecklos sei und man sich auf andere Wege besinnen soll.

Womit Hauk auf die pilzwiderstandsfähigen Rebneuzüchtungen (Piwis) zu sprechen kam. Zwar sind auch die Piwis keine Wunderwaffe gegen einen Pilzbefall wie in diesem Jahr, sie zeigen sich aber wesentlich robuster und brauchen somit weniger Schutzmittel. Zudem ist die Züchtung der Piwis noch längst nicht ausgereizt. Von neuen Zuchterfolgen erwartet sich die Branche eine noch effizientere Schutzwirkung. Es fällt dem Land und dem Weinbau nun auf die Füße, dass diese Chance in der Vergangenheit sträflich vernachlässigt wurde und man erst unter dem Druck radikaler Forderungen von Umweltschützern umsteuerte. Jetzt aber sollte allen klar sein, dass ohne Piwis das Ziel, bis 2030 bis zu 40 Prozent der Betriebe auf Bio umzustellen, nicht zu schaffen ist.