COP27

Zweifelnde Blicke aus Südbaden in Richtung Weltklimakonferenz in Ägypten

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

So, 06. November 2022 um 13:38 Uhr

Südwest

In Ägypten beginnt die 27. UN-Klimakonferenz. Vertreter von Wirtschaft und Umweltschutz aus Südbaden schauen vor allem mit Befürchtungen und Skepsis auf das Treffen in Scharm el Scheich.

"Wir müssen rasch handeln, sonst wird es nicht nur dem Planeten, sondern vor allem seinen Menschen und auch ihrer Wirtschaft zu heiß", meint Christoph Münzer, Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbandes Industrieller Unternehmen in Baden (WVIB) Schwarzwald AG. Es gebe kaum jemand, der diese faktenbasierte Einschätzung noch bezweifle.

Jule Pehnt, Pressesprecherin von Fridays for Future Freiburg wählt noch drastischere Worte und zieht schon mal vorab eine negative Bilanz des Treffens vom 7. bis zum 18. November in Scharm el Scheich: "Die Klimakrise ist so präsent wie nie, und doch kann von der Klimakonferenz leider nichts als vage Verpflichtungen und schöne Reden mit wenig Inhalt erwartet werden." Die letzten Jahre hätten immer mehr gezeigt, wie niedrig die Ambitionen der Länder sind, sich zu nötigen radikalen Maßnahmen zu verpflichten, so Pehnt. Es fehle ein grundlegendes Bewusstsein für die systemischen Gründe der Klimakrise.

Die Gas- und Strompreise helfen dem Klima nicht

Dem gegenüber stehen "hochgesteckte Erwartungen" an die Konferenz, wie Dieter Salomon, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Südlicher Oberrhein, betont. "Die Länder, zumindest die aus der EU, müssen jetzt einmal alle aufzeigen, wie sie bis 2050 klimaneutral werden wollen", meint Salomon. Dieses Ziel teile die Wirtschaft, im Grundsatz habe sich das Ziel einer ökologischen Transformation durch den Angriffskrieg Russlands auf der Zeitschiene noch verschärft.

Das Problem für die Wirtschaft seien aber die derzeit explodierenden Gas- und Strompreise, gerade auch etwa für die Gastronomie. "Man muss aufpassen, dass diese in Deutschland nicht zu einer Deindustrialisierung führen. Schon vorher war Deutschland ja ein Hoch-Energiepreisland. Und wenn eine Produktion, die hier hohe Umweltstandards einhält, ins Ausland abwandert, um dort diese Standards nicht einzuhalten, haben wir nichts davon", so Salomon. Maßnahmen wie die Gaspreis- und die Strompreisbremse seien daher zu begrüßen.

Wir müssen als internationale Gemeinschaft erkennen, dass die Klimakrise von einem System der Jahrzehnte langen Ausbeutung verursacht wurde und unsere Antworten dementsprechend gestalten", Jule Pehnt, Pressesprecherin von Fridays for Future Freiburg

Auch Christoph Münzer vom WVIB ist es ein Anliegen an die Klimakonferenz, dass sie sowohl ökologische als auch ökonomische Belange berücksichtigt. "Alles andere wäre nicht sozial." Ein bloßes Verschärfen von Klimazielen bezeichnet Münzer als frustrierend, ein aktionistischer "CO2-Sozialismus" brächte der Welt noch mehr politischen Populismus und Armut. Nur mit einem weltweit breiteren Einstieg in einen ausgebauten CO2-Zertifikatehandel könne es gelingen, Ökologie, Menschen und Marktwirtschaft zu versöhnen.

Eine Versöhnung wird in den Augen der Sprecherin von Fridays for Future gar nicht angestrebt. "Diese Konferenzen sind ein Querschnitt der internationalen Klimapolitik und scheitern deswegen auch an sich selbst. Wir müssen als internationale Gemeinschaft erkennen, dass die Klimakrise von einem System der Jahrzehnte langen Ausbeutung verursacht wurde und unsere Antworten dementsprechend gestalten", urteilt Jule Pehnt.

Naturkatastrophen und Kompensation

Anke Herold, wissenschaftliche Geschäftsführerin am Freiburger Öko-Institut, nahm selbst an den vielen Vorgängern der UN-Klimakonferenz teil, sie ist 2022 nur verhindert. Eigentlich stünde in Ägypten turnusgemäß die Minderung von Treibhausgasen gar nicht im Mittelpunkt der Konferenz, betont sie. Eine bedeutendere Rolle spiele auf der Tagesordnung diesmal die Klimafinanzierung, die Unterstützung der Entwicklungsländer durch die reichen Länder. Denn die armen Länder reklamieren für sich – etwa wegen Überschwemmungen und Stürmen – Hauptbetroffene der Folgen der Klimaerwärmung zu sein. Die Hauptverursacher seien aber in den Industrienationen zu finden. Schon 2009 hätten sich die Industrienationen unter Führung von US-Präsident Barack Obama zum Ziel gesetzt, dass sie bis 2022 100 Milliarden Euro jährlich an Klimafinanzierung für Entwicklungsländer bereitstellen. Für 2022 liegen nun 83,3 Milliarden bereit, es fehlen also 16,7 Milliarden zu diesem Ziel. "Dieser Fehlbetrag wird in Scharm el Scheich sicher zu heftiger Kritik an den Industrieländern führen" vermutet Herold. Für Fridays for Future hat die in dieser Kritik implizierte Benachteiligung von Teilen der Erde gar System – und eine lange Historie: "Seit Jahren wird die finanzielle Unterstützung an Länder des Globalen Südens nicht umgesetzt, oder als Almosen vergeben", so Pehnt. "Es handelt sich um einen Schuldenausgleich, den wir leisten müssen, für die Zerstörung, die wir zu verantworten haben – beispielsweise dieses Jahr in Pakistan oder ob der Hungerkrise in Somalia."

Klimaanpassungen im Stadtbau und der Landwirtschaft

In Anbetracht der Naturkatastrophen gehört ein Kompensationsmechanismus zu den Forderungen der Entwicklungsländer, über den in Ägypten gesprochen werden soll. Ein Automatismus, der bei Überschwemmungen oder Dürren greifen soll. "Es ist klar und auch verständlich, dass die Industrieländer dies sehr kritisch sehen und an der Realisierbarkeit zweifeln", meint Herold. In der EU sei man zumindest deutlich bereiter über dieses Thema überhaupt zu debattieren und etwa in Form von internationalen Versicherungen Lösungsvorschläge zu erarbeiten als in den USA.

Schließlich soll auf dem Klimagipfel auch über Klimaanpassungen gesprochen werden. Also über städtebauliche Maßnahmen oder veränderte Anpflanzungsformen, die schon vom vollzogenen Klimawandel ausgehen. Überlegungen, die auch in Deutschland bereits gestellt wurden, etwa im Konzept der Schwammstädte. Dies sind Städte, die so konzipiert sind, dass sie Starkregen wie einen Schwamm aufnehmen können – als Mittel gegen Überschwemmungen und brütende Hitze zugleich.

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