Zwischen Spoiler und Cliffhanger

Georg Voß

Von Georg Voß

Mi, 16. Oktober 2019

Emmendingen

Der Emmendinger Autor Thomas Erle liest in der Stadtbibliothek erstmals aus dem dritten Band der Trilogie "Das Lied der Wächter".

EMMENDINGEN. Nun ist auch der dritte Band der Trilogie "Das Lied der Wächter" von Thomas Erle erschienen und ist passenderweise mit "Das Gesetz" untertitelt. Was es mit dem Gesetz auf sich hat, das verriet der durch seine Kaltenbach-Krimis bekannt gewordene Schriftsteller Thomas Erle bei der Premierenlesung in der Emmendinger Stadtbibliothek vor rund 50 interessierten Zuhörern natürlich nicht.

Es ist bei einer solchen Lesung immer eine Gratwanderung für den Autor zwischen Spoiler und Cliffhanger, nur nicht zu viel zu verraten und Spoilergefahr heraufzubeschwören, was der Spannung sehr abträglich ist. Andererseits lassen Cliffhanger, wenn der Protagonist sich gerade sich an einer Felswand befindet – wie zum Ende des ersten Bandes als Felix sich ins Höllental abseilen will –, den Leser einfach im Regen stehen.

Von der mysteriösen Kraft des Schwarzwalds

Thomas Erle fragte aber auch in die Runde, wer bereits die ersten beiden Bände gelesen habe. Es waren doch immerhin knapp zehn Besucher. Dennoch gab es für alle eine Inhaltsgabe, die auch im dritten Band unter der Rubrik "Was bisher geschah" abgedruckt ist. Wie bei jeder Lesung wird Thomas Erle musikalisch von dem Saxophonisten Rainer Wahl aus Gutach unterstützt, der passend zu den vorgelesenen Passagen frei improvisiert.

Zum Inhalt: Es gab einen verheerenden Atomunfall. Seitdem galt der Schwarzwald als verstrahlt und unbewohnbar und die Bevölkerung wurde evakuiert. Das Buch macht einen Zeitsprung von 16 Jahren und erzählt von dem mittlerweile 16-jährigen Protagonisten Felix. Er entdeckt, dass er nicht bei seiner leiblichen Mutter aufgewachsen ist und findet Hinweise, dass seine Eltern noch am Leben sind. So beschließt er allein in die Sperrzone zu gehen, um seine Eltern zu suchen, die er aber dann im zweiten Band – Achtung Spoiler – auch findet.

Felix begegnet bei seiner Suche durch den Schwarzwald von Waldkirch durch das Hexental ins Wiesental mehreren Menschen, die offensichtlich trotz Sperrzone sich dort eingerichtet haben und auf ihrer Weise mit den Folgen des Unglücks kämpfen. Felix entdeckt, dass es im Schwarzwald eine unheimliche Kraft gibt, dazu einen unheimlichen Gesang, der seine Vorstellungskraft und den Verstand auf die Probe stellen wird.

Um was es sich bei dieser mysteriösen Kraft handelt, wer diese gefährliche Spinne ist, die Wege unpassierbar macht und Menschen mit dem Leben bedroht, und was hinter dem unheimlichen Gesang und der Begegnung steckt, das alles wird im zweiten Band auch nicht verraten. Auch nicht bei der Lesung am Freitagabend. Stattdessen liest Thomas Erle Abschnitte aus den ersten Seiten vor. Der Leser begibt sich mit dem Protagonisten Felix und dem Hund Leo, den er von seinen Eltern als Weggefährten bekommen hatte. Und hier sind gleich die typischen Elemente, die diese Trilogie auszeichnen: fast minutiöse Beschreibung der Umgebung, durch die sich Felix kämpft. Fast könnte man sich auf die Spuren von Felix durch den Schwarzwald begeben, nur braucht es eben diese Vorstellungskraft, sich die Wege überwuchert und übersät mit Geröll vorzustellen. Dann sind es die Beschreibung der Menschen, die überlebt haben und die Möglichkeit, sich in den 16-jährigen Jungen hineinzuversetzen, wie er sich selbst diesen Gefahren aussetzt und mutig weitergeht.

Irgendwann befindet sich Felix in einer Höhle: "Die Fackel fiel herunter und erlosch mit einem dumpfen Zischen. Im selben Moment begann der Boden, sich zu bewegen. Der Sand neigte sich zur Wand hin, Felix glitt aus, strampelte und rutschte nach unten. Seine Hände versuchten vergeblich, Halt zu finden. Mit jedem Versuch, sich festzuklammern, rutschte er ein Stück tiefer, mit jeder Bewegung strömte von oben Sand auf ihn herunter. Felix schlug verzweifelt um sich, seine Lunge wurde zusammengepresst, Sand drang in seine Augen, seine Ohren und seine Nase. Ein letztes Aufbäumen – dann umfing ihn konturenlose Schwärze."

Erle: Ein moderner Abenteuerroman

Nach den Kaltenbach-Krimis nun dieses spannende rund 1200 seitige Werk von Thomas Erle. Doch um welches Genre handelt es sich bei "Das Lied der Wächter", wollte er von den Besuchern in der Stadtbibliothek wissen. "Ich habe für mich entschieden, es als modernen Abenteuerroman zu bezeichnen", sagt Thomas Erle. Es könne auch ein Entwicklungsroman eines Heranwachsenden, eine Coming of Age-Geschichte sein. Eine Antwort aus dem Publikum war "Regio-Fantasy". "Nicht schlecht" befand Thomas Erle. Auf die Frage, ob er an einem neuen Buch sitzen würde, hielt er sich natürlich bedeckt.

Info: Thomas Erle, Das Lied der Wächter/ Das Erwachen, 2018; Thomas Erle, Das Lied der Wächter/ Der Gesang, 2019; Thomas Erle, Das Lied der Wächter/ Das Gesetz, 2019, alle erschienen im Gmeiner Verlag, Meßkirch.