Zwischen Überschwang und Depression

Erich Krieger

Von Erich Krieger

Di, 16. Juli 2019

Kirchzarten

Das Ensemble 1712 und Gaby Beinhorn bieten Hörgenuss im Rahmen der Lumik-Reihe in Kirchzarten.

KIRCHZARTEN. In der letzten Veranstaltung der Lumik-Reihe (Literatur und Musik in Kirchzarten) präsentierten die Initiatoren Kirsten Ecke und Michael Dinnebier im Bürgersaal der Talvogtei eine literarisch-musikalische Auseinandersetzung mit den in der Kunst repräsentierten widersprüchlichen Lebensgefühlen der Barockzeit.

Unter dem Titel "Carpe Diem" (Genieße den Tag) spielte das Ensemble 1712, bestehend aus Michael Dinnebier und Jing Wen (Violine), Dörte Weiblen (Viola), Dita Lammerse (Violoncello), Konstanze Brenner (Kontrabass), Michael Hardenberg (Cembalo) und Kirsten Ecke (Harfe) barocke Kompositionen von Vivaldi, Händel, Telemann, Bach und Purcell. Dazwischen rezitierte Gaby Beinhorn Gedichte von Horaz, Gleim, Opitz, Gryphius, Morgenstern, Droste-Hülshoff und Herder. Im Barock feierte das in der "Ode an Leukonoe" von Horaz formulierte Motto "Carpe Diem" eine wahrhafte Renaissance. Seine Zeile "Genieße den Tag, und vertraue möglichst wenig auf den folgenden" galt als Aufforderung, sich den Freuden des Lebens zu widmen, anstatt sorgenvoll in die Zukunft zu blicken. Genau diese positive Grundhaltung erklang in der "Ouvertüre zur Oper L’Olimpiade" von Antonio Vivaldi, dem mitreißenden ersten Titel des Ensembles 1712. Die Rezitatorin unterstrich dieses Lebensgefühl mit dem Gedicht von J.W.L. Gleim "An Leukon", in dem es heißt: "Hurtig leben ist mein Rat, flüchtig ist die Zeit." Eine nahtlose Fortsetzung bot der erste Satz Allegro molto aus Vivaldis "Streichersinfonie A-Dur". Im zweiten Satz formulierte die Musik indirekt die in der Barockzeit mindestens ebenso stark präsente Antithese "Memento mori", ursprünglich aus dem frühen Mittelalter stammend. Damit sollte an den unausweichlichen Tod gemahnt werden. Betrachtet man Vivaldis Sinfonie als Ausdruck des Widerstreits dieser parallel existierenden Lebenseinstellungen, so hat sich der Komponist im erneuten Allegro des dritten Satzes klar entschieden: Er ließ der verordneten Bedenklichkeit und Leisetreterei keine Chance. Der dialektische Kampf dieses Schemas zog sich als roter Faden durch das gesamte Programm. Durch die Sätze des grandiosen "Konzerts für Harfe und Orchester B-Dur" von Georg Friedrich Händel ebenso wie durch das Gedicht "Es ist alles eitel" von Andreas Gryphius. Er formuliert pessimistisch: "Ach, was ist alles diß, was wir vor köstlich achten, als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind." Auch Georg Philipp Telemanns "Bourlesque de Quichote" lässt den Ritter von der traurigen Gestalt nach einer Ouvertüre in einer Reveille erwachen und in einer furiosen "Son Attaque des Moulins" den Windmühlen entgegenreiten.

Einen besonderen Akzent setzte die aus späterer Zeit stammende Parodie "Horatius travestitus" von Christian Morgenstern auf das eingangs zitierte Carpe Diem des ehrwürdigen Horaz. Im gleichen Versmaß gehalten lautet Morgensterns letzte Zeile: "Küssen Sie mich, m’amie! Heute ist heut! Après nous le déluge!" (Nach uns die Sintflut).

Das aus in verschiedenen Formationen vielbeschäftigten Musikerinnen und Musikern zusammengestellte Orchester harmonierte erstklassig und virtuos. Das Publikum belohnte die Künstler mit verdientem Beifall.