Klassik

200. Geburtstag der Pianistin und Komponistin Clara Schumann

Christine Adam

Von Christine Adam

Mi, 11. September 2019 um 20:15 Uhr

Klassik

Sie war weit mehr als nur die Gattin an Roberts Seite: Vor 200 Jahren wurde in Leipzig Clara Schumann geboren. Eine große Frau, nicht nur für die Musik des 19. Jahrhunderts.

Für ihre Zeit war sie eine einzigartige Frau. Clara Wieck wurde bei ihrem Gastspiel in Wien zum Hype. Gefälschte Eintrittskarten kursierten, Konzerte lösten ein Verkehrschaos aus. Der Dichter Franz Grillparzer ehrte sie mit dem Gedicht "Clara Wieck und Beethoven". Konditoren servierten eine "Torte à la Wieck". Die junge Pianistin avancierte in der Donaumetropole von Dezember 1837 bis März 1838 zu einem internationalen Star. Der für Seriosität stand. Von Konzert zu Konzert mutete sie den an leichte Kost gewöhnten Wienern mehr zu: Chopin, Bach und Mendelssohn. Und Beethoven. Von ihrer Gesamtaufführung der Klaviersonate f-Moll op. 57, der "Appassionata", heißt es sogar, es sei die erste überhaupt gewesen.

Die genau am 13. September 1819 in Leipzig geborene Clara Wieck, verheiratete Schumann, war neben Franz Liszt eine zentrale Figur der Pianistik des 19. Jahrhunderts. Mehr als 60 Jahre war sie auf den Podien präsent, wirkte als Klavierprofessorin schulebildend. Eine Schule, die in der umfassenden musikalischen Erziehung durch Friedrich Wieck wurzelte, in einer ganzheitlichen Pädagogik. Clara wuchs ab dem fünften Lebensjahr beim Vater auf. Der bereitete die Tochter systematisch auf den Beruf einer reisenden Solistin vor.

Ein Gegenpol zum

Tastenlöwen Liszt

Die Künstlerin als Veranstalterin auf eigene Rechnung: Weil der Vater 1839, der heimlichen Verlobung mit dem Komponisten Robert Schumann wegen, ihr seine Dienste als Impresario verweigerte – Friedrich Wieck versuchte mit allen Mitteln, die Verbindung zu torpedieren –, stellte Clara sich allein dieser mühevollen Aufgabe. Auch wenn sie das nötige Marketing vom Vater gelernt hatte: als 19-Jährige, im Moloch Paris. Chapeau!

Clara Wieck-Schumann war ein Gegenpol zum Tastenlöwen Franz Liszt. Sie behandle ihr Instrument mit Seele, lobte ein Wiener Kritiker 1837 und jubelte: Zugleich "mit solchem Verstande und solcher Auffassung die einzelnen Compositionen verschiedener Tonsetzer vortragen; das kann unter den Virtuosinnen nur Clara". Liszt rockte die Flügel mit wilder Bravour, entzückte die Damenwelt mit erotischer Ausstrahlung. Auf derlei Allüren aber reagierte die Leipzigerin kühl. Wobei auch sie durchaus mit explosiver Energie spielte, schnelle Tempi favorisierte. Pianistik im Zeitalter der Eisenbahn. Im Vormärz bedeutete hohes Tempo Fortschritt, Zukunft. Die Interpretin der neuen Klaviermusik war Clara Wieck-Schumann. Chopins "Don Juan"-Variationen hatte sie bereits 1831 mehrfach aufgeführt, bei der Verbreitung der Werke des polnisch-französischen Romantikers kommt ihr eine Schlüsselrolle zu. Ein großzügiger Förderer beider Schumanns war Felix Mendelssohn Bartholdy: Er dirigierte 1835 im Leipziger Gewandhaus mit der jungen Komponistin am Flügel die Uraufführung ihres a-Moll-Klavierkonzerts. Nach ihrer Hochzeit am 12. September 1840 präsentierten sich Robert und Clara Schumann bei einem von Mendelssohn geleiteten Konzert der Öffentlichkeit als Künstlerehepaar.

Dass Virtuosen sich mit eigenen Werken produzierten, gehörte zum Berufsbild. Clara verfasste früh solistische Klavierstücke. Die Tonsprache der "Soirées musicales" kommt der Klangwelt ihres Vorbilds Chopin sehr nah. Als Komponistin agierte Clara Wieck-Schumann auf der Höhe ihrer Zeit. Sie hatte eine anspruchsvolle Satztechnik, integrierte auch unkonventionelle Ideen – Robert nahm manche davon in seinen Werken auf. Das g-Moll-Klaviertrio op. 17 von 1846 ist ihr Meisterstück, als Pianistin war sie eine gefragte Kammermusikpartnerin. Einen Schwerpunkt des Œuvres bildet das Klavierlied mit um die 30 Exemplaren. Das Musikerpaar veröffentlichte ein Heft mit Rückert-Vertonungen als Gemeinschaftswerk, drei der zwölf Lieder stammen von Clara. Eine Künstlergemeinschaft, in der um die Balance von beruflichen Identitäten und Familienleben gerungen wurde: Davon künden die Ehetagebücher. Die Deutungen der Schumann-Ehe spiegeln Vorstellungen über die Frauenrolle. Heute würdigen Begriffe wie "Powerfrau" Claras Mehrfachbelastung durch Schwangerschaften – sieben von acht Kindern erreichten das Erwachsenenalter –, Familienorganisation und einen psychisch labilen Ehemann.

Clara Schumann gab als eine der wenigen Musikerinnen des 19. Jahrhunderts trotz Ehe und Familie ihre Karriere nicht auf. Weil die Kasse leer war, konnte sie 1844, im Jahr ihres Umzugs nach Dresden, bei ihrem Mann eine erste Russland-Tournee durchsetzen. 1850 erhält Robert Schumann eine Festanstellung als Städtischer Musikdirektor in Düsseldorf. Nach einem Suizidversuch wird Robert 1854 in einer Heilanstalt behandelt, wo er 1856 stirbt. Die Eheleute konnten nur dreizehneinhalb Jahre zusammen leben. Clara Schumann ernährt die Familie durch Auftritte, später wird sie auch für Enkel finanzielle Verantwortung übernehmen. Ein Lebensmittelpunkt ist ab 1857 Berlin, zum bevorzugten Konzertort wurde London. Das Klassikkonzert als Massenereignis: Im Crystal Palace spielte Clara Schumann 1865 vor 4000 Zuhörern. Die "Times" fand in ihr "an intellectual player oft the highest class". Nach England reiste sie oft, reüssierte als Beethoven-Interpretin und machte dort, wie überhaupt in Europa, Werke von Robert Schumann und Johannes Brahms, ihres jüngeren Seelenfreundes und Weggefährten, bekannt.

An Brahms, der mit der tröstlichen Anrede "Geliebte Clara!" antworten wird, schrieb sie über ihre Auftritte im Januar 1879 in Freiburg, Basel und Zürich: "Merkwürdig war es mir jetzt bei den Konzerten, daß ich so ganz frei und kräftig spielen konnte, und doch so traurig dabei war, keinen Augenblick den Kummer vergaß." Der jüngste Sohn Felix war todkrank.

Mit höchstem Qualitätsanspruch wählte Clara Schumann ihr Repertoire aus. So schuf sie den bildungsbürgerlichen Kanon jener Werke, die bis dato die Programme europäischer Klavierrezitals prägen. Zur Werktreue wurde sie bereits vom Vater erzogen, an ihre Schüler gab sie diese Haltung ("Pietät") weiter. Sie galt als authentische Interpretin der Klaviermusik Robert Schumanns, sorgte für das Gedenken, kümmerte sich auch um die Edition seiner Kompositionen.

Erholungsort war ein
Haus in Lichtental

Ort der Erholung war Baden-Baden. Clara Schumann kaufte ein Haus in Lichtental, wo jeweils von Mai bis Oktober der Jahre 1863 bis 1873 Familie und Freunde zusammenkamen. Die heutige Musikwissenschaft zeigt, wie gut Clara Schumann in der damaligen Kulturszene vernetzt war. Das Hoch’sche Konservatorium in Frankfurt am Main sicherte sich mit der Berufung der Starpianistin 1878 eine internationale Schülerschaft. Clara Schumann bediente gezielt die Eigengesetzlichkeit des Musikbetriebs, wie die Freiburger Musikologin Janina Klassen unterstreicht.

Clara Schumann starb am 20. Mai 1896 in Frankfurt nach einem zweiten Schlaganfall. Über die Aufführungspraxis des 19. Jahrhunderts mögen die Notizen der Künstlerin Auskunft geben. Mehr als 1300 Programmzettel hat sie aufbewahrt. Diverse Konzerte, Ausstellungen und Kongresse feiern jetzt jene große Musikerpersönlichkeit, die 1868 gegenüber Brahms bekundet hatte: "Die Ausübung der Kunst ist ja ein großer Theil meines Ichs, es ist mir die Luft in der ich athme!"
Zur Person: Clara Schumann

13. Sept. 1819: Geburt in Leipzig
1828: Debüt als Pianistin im Leipziger Gewandhaus
1838: Ernennung zur k.k. Kammervirtuosin in Wien
1840: Heirat mit Robert Schumann
26. Juli 1856: Robert Schumann stirbt
1856–1888: 19 Konzertreisen nach England
1857–1887: Auftritte in Basel
1864: zweite Russland-Tournee
1878–1892: Klavierlehrerin in Frankfurt am Hoch’schen Konservatorium
1891: letztes öffentliches Auftreten
20. Mai 1896: Tod in Frankfurt