Krimi-Kolumnen

25 ganz persönliche Erinnerungen an 50 Jahre Tatort

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

So, 29. November 2020 um 16:16 Uhr

Kultur

Wenn am Sonntag wie seit 50 Jahren der Tatort im Fernsehen läuft, schauen auch viele BZ-Redakteurinnen und Redakteure zu – aber nicht alle. Hier sind 25 ganz persönliche Tatort-Geschichten.

"Scheiße", war das gut
Von André Hönig
Die 1980er-Jahre fanden TV-mäßig für mich in Miami statt. "Miami Vice": Das war Videoclip-Ästhetik à la MTV, Pop und pastellfarbene Töne, harte Schnitte, kinoreife Action– und stand damit völlig in Kontrast zu den langweiligen deutschen Fernseh-Kommissaren. Tatort gucken? Niemals – ja, wäre da nicht die Naturgewalt Horst Schimanski 1981 übers deutsche Fernsehen hereingebrochen. Gerade mal rund zwei Minuten dauerte es, bis zu Beginn der ersten Folge "Duisburg-Ruhrort" Kommissar "Schimi" laut "Scheiße" flucht. Provokation pur damals. Götz George spielte das pöbelnde, fluchende Raubein unglaublich authentisch. Versoffen, nuschelnd, schnauzbärtig. Ein weißer Ritter in Jeans und schmuddeliger Jacke. Ein deutscher Bruce Willis. Ein Macho – außen hart, innen zart – der sich fürs Gute durchs graue Ruhrgebiet prügelt. Rebell, Gerechtigkeitsfanatiker, Gegner der Bosse. Einer, der – wie Klaus Lage sang – stets "als Held die Fresse vollgekriegt" hat. Spannende Storys, starke Songs (Klaus Lage, Chris Norman, Bolland & Bolland), ein kongeniales Ermittlerduo Schimi/Thanner: "Schimanski" war für mich ein Muss. Unvergessen das Ende nach 29 Folgen und zwei Kinofilmen: Schimanski segelt in der letzten Folge als echter Kommissar über Duisburg, brüllt ein letztes "Scheiße". Das war 1991. Für Miami Vice war da schon zwei Jahre Schluss. Für mich waren die 80er aber erst jetzt vorbei. Markus Söder twitterte zu Götz Georges Tod 2016: "Bester Tatortkommissar ever". Ganz meine Meinung. Oder in Schimis Worten: "Scheiße", war das gut.
Enttäuschte alte Liebe
Von Ralf Burgmaier
Es ist eine alte enttäuscht Liebe. Ich war 15, als der Tatort "Reifezeugnis" mich mit seiner erotischen Wucht erwischte. Die Freizügigkeit, mit der Nastassja Kinski als Schülerin Sina in Liebesszenen mit Christian Quadflieg als ihrem Lehrer Helmut Fichte meinem jungmännlichen Blick dargeboten wurde, traf mich unvorbereitet. Als wir vor ein paar Jahren eine Wiederholung des legendären Tatorts mit unseren großen Teenager-Töchtern anschauten, waren diese online einiges gewöhnten jungen Frauen irritiert darüber, wie man 1976 eine Alterskameradin dermaßen für den männlichen Blick zurichten konnte. Das wurde mir dadurch erst bewusst. Aber der Maßstab dafür, wie ein Tatort mich berühren sollte, war 1976 gesetzt. Ein paar Schimanskis kamen dem nahe. Aber immer, wenn ein Teaser wieder mal einen Sensations-Tatort anpries und ich mich am Sonntagabend davorsetzte, dachte ich: verschwendete Lebenszeit.
Schlechtes Internet
Von Tamara Keller
1, 2, 3 – "Jetzt!", sagt meine Freundin Annika am anderen Ende der Leitung. Es ist Frühling 2014 und wir drücken beide die Playtaste. Unser Vorhaben: Wir wollen gemeinsam und zeitgleich den Tatort schauen, um zusammen den oder die Täter zu erraten. Das Problem: Annika lebt in Salzburg. Ich zu Hause in einer 900-Einwohner-Gemeinde im Landkreis Lörrach. Wir haben beide den Laptop auf dem Schoß, in einem Fenster eine Skype-Video-Konferenz geöffnet, im anderen die ARD-Mediathek. Eigentlich hatte ich dieses Technik-Experiment – das übrigens nach 20 Minuten Frust wegen einer zu schlechten Internetverbindung scheiterte – längst vergessen. Doch Annika sagte kürzlich am Telefon, wir seien damals schon Vorreiter gewesen, denn in Pandemiezeiten ist das gemeinsame Erleben via Videochat irgendwie zum Alltag geworden. Das "gemeinsame Erlebnis" ist es auch, was für mich den Tatort ausmacht. Ich schaue ihn selten alleine: Früher gemeinsam mit meinen Eltern, dann als Abendevent in der Dreier-WG und nun in der eigenen Wohnung. Da ist der ständige Begleiter der sogenannte "Second Screen" – also mein Smartphone. Einerseits um den Krimi unter #Tatort auf dem sozialen Netzwerk Twitter zu kommentieren oder es kommt via Messenger eine Nachricht von Annika: "Schaust du Tatort? Findest du den heute auch so langweilig?"
Erste Folge überhaupt
Von Annika Sindlinger
Als am 29. November 1970 die erste Folge des Tatorts ausgestrahlt wurde, war ich noch nicht geboren. Und auch später interessierte mich das, was da am Sonntagabend über den Bildschirm flimmerte wenig – bis ich selbst im September 2019 für die BZ über die Dreharbeiten für die Schwarzwald-Tatort-Folge "Rebland" berichtete. Nach Waldkirch drehte ein Filmteam des Südwestrundfunks damals auch in Eichstetten und in Ihringen. Die Kommissare Tobler und Berg ermittelten am Kaiserstuhl nach einer Vergewaltigung. Ausgestrahlt wurde diese Folge erst kürzlich, ein Jahr nach den Dreharbeiten. Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, das Ergebnis anzusehen. Es war meine ...

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