Friedensgebet der Israelitischen Gemeinde

360 Rosen für die Freiburger Opfer des Holocaust – und ein Provokateur

Uwe Mauch

Von Uwe Mauch

Sa, 15. Mai 2021 um 13:39 Uhr

Freiburg

Rund 250 Menschen haben am Samstag auf dem Platz der Alten Synagoge am Friedensgebet der Israelitischen Gemeinde teilgenommen. Die Polizei musste wegen eines Provokateurs eingreifen.

Zwei Dutzend Polizeikräfte haben sich am Samstagmittag rund um den Platz der Alten Synagoge postiert. Acht Polizeifahrzeuge standen vor dem Stadttheater. Die überschaubare Menschenmenge am trocken gelegten Gedenkbrunnen schwenkte Israelfahnen, ein paar wenige trugen die Kippa, und alle hielten die Hygieneregeln ein.

Die Israelitische Gemeinde hatte zum öffentlichen Gebet für Frieden und zum göttlichen Segen für das Land Israel aufgerufen. Als Kantor Moshe Hayoun stimmgewaltig das hebräische Volkslied Hava Nagila anstimmte und das Publikum mitsang und klatschte, betrat ein 17-jähriger, bulliger Jugendlicher den Brunnenrand, der die Umrisse der alten und niedergebrannten Synagoge nachzeichnet. Zeugen zufolge zeigte er den Mittelfinger und rief: "Ihr tötet unsere Kinder." Der Kantor lief geradewegs auf ihn zu, rief die Polizei, die den Provokateur schließlich vom Platz eskortierte. Es handelte sich laut Polizei um einen Mann, der im arabischen Raum geboren ist und die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Er sprach fließend Deutsch, soll nicht aus Freiburg stammen, aber aus Baden-Württemberg. Die Polizei erteilte ihm einen Platzverweis, und er muss mit einer Anzeige wegen Beleidigung rechnen.

Moshe Hayoun war sichtlich aufgewühlt. "Warum beleidigt er mich? Uns?", fragte sich der Kantor im Gespräch mit der BZ. "Ich bin Franzose und kein Israeli." Hayoun lebt in Straßburg und pendelt zu seinem Arbeitsplatz in der Freiburger Synagoge. "Ich habe nichts mit Politik zu tun, ich mache etwas für das Spirituelle." Hava Nagila heißt übrigens "Lasst und glücklich sein".

Irina Katz, Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde, verteilte 360 weiße Rosen, die an die Freiburger Opfer des Holocaust erinnern sollen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Friedensgebets legten sie auf den Rand des Gedenkbrunnens.

Nach mehreren persönlich vorgetragenen Gebeten, Segnungen und Psalmen bedankte sich Vorsitzende Katz ausdrücklich bei der Polizei – dafür gab es kräftigen Beifall.

Im Verlauf des Nachmittags sind ebenfalls auf dem Platz der Alten Synagoge eine Zusammenkunft der Egalitären Jüdischen Gemeinde Chawurah Gescher und eine Kundgebung des Vereins "Palästina spricht" geplant.