Alter

40 Jahre alt werden – nur eine Zahl?

Patrik Müller

Von Patrik Müller

So, 03. April 2022 um 13:43 Uhr

Liebe & Familie

Unser Autor ist 40 geworden. Keine große Sache, dachte er zunächst. Doch dann begann er zu grübeln. Denn einerseits ist die 40 nur eine Zahl. Und doch ist sie bedeutungsaufgeladener als andere.

Mein Hausarzt schließt schon mal das Fenster zum Innenhof. Ich soll mich entspannen, erklärt er, während er sich den Latexhandschuh über den Finger spannt. Ich liege auf der Seite und gucke die weiße Wand an, die Jeans habe ich bis auf die Knie heruntergezogen. Nach zwei Minuten ist es vorbei, nach zehn Minuten halte ich eine Überweisung zum Facharzt in der Hand. Es ist meine Erste, die nichts mit einer Sportverletzung zu tun hat. Ich habe keinen Ball doof gefangen, ich habe mir auch nicht beim Rennradeln im zu schweren Gang auf Schauinsland und Feldberg die Knie zerschossen. Nein. Ich bin einfach nur älter geworden.

"Der schlimmste Geburtstag kommt erst noch"
Ende Februar habe ich meinen 40. Geburtstag gefeiert. Es war ein kleines Fest, ein sehr kleines, wegen Corona und wegen des Krieges, der am Tag davor begonnen hatte. Der 40er, dachte ich, ist sowieso nicht das große Ding. "Der schlimme Geburtstag kommt erst noch", sagt mein Nachbar, der den schlimmen Geburtstag schon hinter sich hat. Wer 50 wird, hat immerhin ein halbes Jahrhundert hinter sich. Wer 30 wird, sollte sich endgültig erwachsen fühlen. Das war der letzte Geburtstag, den ich groß gefeiert habe. Vor zehn Jahren.

Ich fühle mich noch verdammt jung, immer noch ein bisschen wie der Student in seinem WG-Zimmer über einer Terminwohnung am Freiburger Bahnhof, der endlich mal die Magisterarbeit angehen sollte. Dabei habe ich eine Ehefrau, einen Sohn, eine Festanstellung mit sechsmonatiger Kündigungsfrist. Und Rücken. Das Erwachsenen-Starterset. Aber ich merke jetzt auch immer häufiger, dass ich nicht mehr so jung bin.

Die Haare, die beim Schneiden auf den Boden fallen, werden heller

Es fängt schleichend an. Ich brauche mehr Schlaf. Ich mag keine Podcasts und verstehe nicht, was alle an Tiktok so spannend finden. Die Haare, die beim Schneiden auf den Boden fallen, werden immer heller. Vor ein paar Jahren erwähnt ein Praktikant einen Musiker, den ich nicht kenne. Travis Scott. "Der bekannteste Rapper der Welt", sagt er. Ich lege den Kopf schräg und gucke, wie mein Vater gucken würde, wenn ich ihn frage, ob er Jay-Z oder Eminem für den besseren Rapper hält. Später höre ich rein und finde Travis Scott furchtbar fad, nach einer Minute schalte ich ab. Auf meiner Spotify-Playlist laufen immer noch die Bands rauf und runter, die ich vor 20 Jahren gehört habe.

"Studie beweist: Im Alter hört man keine neue Musik mehr", schreibt der deutsche Rolling Stone auf seiner Webseite, ein Magazin, das schon vom Namen her im Thema drin ist wie kein anderes. Es wird nicht mehr lange dauern, dann läuft die Musik meiner Jugend auf SWR 1. Bald wird es SWR 4 sein. Und dann?

Und dann ist da ja noch dieser Knubbel, der mich zu meinem Hausarzt geführt hat. Es ist nicht schlimm, sagt der Doktor, ich kann mir Zeit lassen mit meinem Besuch beim Facharzt. Ich darf aber wiederkommen, wenn ich Schmerzen habe oder wenn sich etwas verändert. Nach ein paar Wochen spüre ich ein Zwicken. Es ist nicht schlimm, es kommt auch nicht oft vor, aber ich merke schon, dass etwas ist. Dass sich etwas verändert. Ich greife zum Telefon und mache einen Termin.

"40 ist die Symbolzahl der Prüfung, Bewährung, Initiation bzw. für den Tod" Wikipedia
Ich denke viel nach. Einerseits ist die 40 nur eine Zahl. Vor einem Jahr wurde ich 39, in einem Jahr werde ich 41, hoffentlich. Aber ganz so einfach ist es doch nicht. Ich fange an zu recherchieren und merke schnell, dass die 40 eine Zahl voller Bedeutung ist. Die Fastenzeit dauert 40 Tage, die Hebräer zogen 40 Jahre durch die Wüste – und jetzt raten Sie mal, in welchem Alter Mohammed Prophet wurde. Auch der Schwabe, heißt es, wird erst mit 40 gscheid. Die Venezianer verboten Schiffen, auf denen sie die Pest vermuteten, 40 Tage lang die Einfahrt in den Hafen, quaranta giorni, daher kommt das Wort Quarantäne.

Ali Baba trifft keine 39 Räuber und im Western mit Burt Lancaster sind es keine 41 Wagen, die westwärts ziehen. "40 ist die Symbolzahl der Prüfung, Bewährung, Initiation bzw. für den Tod", schreibt Wikipedia. Danke. Das mit der Prüfung, Bewährung, der Initiation und dem Tod ist natürlich schön vage, es ist alles und nix und passt daher ganz gut zu einem Alter, in dem man nicht mehr jung ist und noch nicht alt.

Midlife-Crisis klingt abgeschmackt

Das Wort Midlife-Crisis mag ich nicht. Ich finde es abgeschmackt, ich bin in keiner Krise und auch nur statistisch in der Mitte meiner Lebenserwartung. Ich kann 110 werden oder mit 53 tot vom Stuhl fallen. Wer weiß das schon?

Den Begriff prägte der Psychoanalytiker Elliot Jacques im Jahr 1957 in einem Vortrag vor Fachkollegen. Er sprach über einen 36-jährigen Patienten, der seinem Therapeuten gesagt haben soll, dass es in seinem Leben ständig bergauf ging, dass vor ihm nur der ferne Horizont lag – und nun habe er das Gefühl, auf dem Gipfel angekommen zu sein und nur noch den Abstieg vor sich zu haben. Der Tod sei auf einmal etwas, das nicht nur anderen passiere.

Diese Geschichte von Jacques und seinem Vortrag wird oft erzählt, sie findet sich eigentlich in jedem Text zum Thema. Sie hat ja auch Witz. Pointe 1: Er war 40, als er seinen Vortrag hielt. Pointe 2: Er selbst war der Patient, von dem er sprach. In einem gewissen Alter, da gebe ich ihm recht, neigen Menschen zum Grübeln: Über das, was war. Und über das, was kommt. Und über das, was hätte sein können, aber nicht ist, weil das Leben dazwischenkam oder man selbst oder man einfach nur einen schlechten Tag hatte oder mehrere, als es darauf ankam.

Junge und alte Menschen sind am zufriedensten

Wer sich mit dem Thema beschäftigt, stößt nicht nur auf Jacques und seinen Vortrag, sondern auch auf das Wort U-Kurve. Das persönliche Glücksempfinden, wollen Wissenschaftler immer wieder in Umfragen herausgefunden haben, hat die Form eines sanft geschwungenen Us: Am zufriedensten mit ihrem Leben sind junge Erwachsene und alte Menschen – während etwa mit Mitte 40 der Tiefpunkt erreicht ist. Das ist für mich kurz nach meinem Geburtstag zwar ein bisschen erschreckend, aber auch tröstlich: Wir sitzen im Tal, aber es geht aufwärts.

Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Tolle Frau, toller Sohn, toller Job. Klar, es gibt auch schwierige Zeiten. Aber am nächsten Tage scheint eigentlich immer wieder die Sonne. Wir hatten immer Glück, wir sind gesund. Andererseits ist da immer noch dieses Zwicken, das nicht besser wird in den Wochen vor meinem Termin bei der Fachärztin. Ich betrete die Praxis im Kellergeschoss eines Krankenhauses als gesunder Mann, aber irgendwann ist man nicht mehr gesund, sondern nur nicht gründlich genug untersucht. Die Ärztin untersucht mich gründlich. "Ich habe drei Befunde, keiner davon ist schlimm", sagt sie. Ich soll trotzdem in vier Wochen wiederkommen, zur Sicherheit. Und ich werde dann jemanden brauchen, der mich abholt.

"Im Tal der U-Kurve kann das Leben anstrengend, bedrückend und trostlos sein" Kieran Setiya
Die Uhr tickt. Ich bin jemand, der dazu neigt, das Schlimmste anzunehmen. Und hier könnte das Schlimmste wirklich schlimm sein. Ich google nach Symptomen. Nach dem K-Wort. Und ich denke viel über mich und mein Leben nach. Ich bin jetzt in einem Alter, in dem sich viele Türen schon geschlossen haben und andere sich nicht mehr öffnen werden. Ich bereue es nicht, durch die Türen gegangen zu sein, die ich geöffnet habe. Ich weiß aber auch nicht, was gewesen wäre wenn. Und mir wird immer klarer, dass mir nicht mehr so viel Zeit bleiben wird – und ich irgendwann vor der letzten Türe stehe.

"Im Tal der U-Kurve kann das Leben anstrengend, bedrückend und trostlos sein", schreibt der US-Philosoph Kieran Setiya in seinem Buch "Midlife-Crisis. Eine philosophische Gebrauchsanweisung", das ich trotz des Titels gekauft habe. Seine Lösungsvorschläge: Kreisen Sie nicht zu viel um sich selbst, streben Sie nicht nur zwanghaft nach dem eigenen Glück, schaffen Sie Raum für existenzielle und verbessernde Werte, für Tätigkeiten, die das Leben uneingeschränkt gut machen – dazu zählt er Kartenspielen mit Freunden, aber auch die Beschäftigung mit Kunst oder Wissenschaft. "Wenn Sie mit Freunden Monopoly spielen oder zum Vergnügen ein Buch lesen, haben Sie teil am Leben der Götter." Ich mag keine Brettspiele. Dafür lese ich immerhin gerne, auch zum Vergnügen.

Das Alter beginnt, wenn die Erinnerung stärker ist als die Hoffnung

Ich darf nichts essen vor der Untersuchung und nur klare Brühe trinken. Mein Herz klopft, als ich mir die Einweghose anziehe. Dann lege ich mich hin und schlafe, nach einer halben Stunde etwa wache ich auf. Alles ist gut, sagt die Ärztin, wir müssen noch die Untersuchung im Labor abwarten, aber sie mache sich da keine Sorgen. Meine Frau holt mich ab, sie bringt mir etwas zu essen mit. Ich reiße Witze auf der Heimfahrt. Ich habe Glück gehabt. Die Türen bleiben offen.

Das Alter beginnt, wenn die Erinnerung stärker ist als die Hoffnung. Diesen Satz habe ich mal in einem Deutsch-Spanisch-Tischkalender zum Sprachenlernen gelesen, als ich noch keine 30 war. Ich habe ihn mir aufgeschrieben und denke wieder mehr darüber nach. Ich habe viele Erinnerungen, aber auch noch viele Hoffnungen. Es hält sich die Waage, pendelt mal in die eine und mal in die andere Richtung.

Nie wieder zu viel Wodka aus einer Henkeltasse

Und eigentlich ist es gut so. Das verstehe ich immer besser, je mehr ich über das Thema nachdenke. Ich habe einige richtig schöne Erinnerungen gesammelt. Der erste Kuss mit meiner Frau, unsere Hochzeit, die Geburt unseres Sohnes. Tolle Menschen, die ich bei der Arbeit kennengelernt habe, spannende Geschichten, die ich erzählen durfte, wunderbare Bücher, spannende Filme, fantastische Musik. Erinnerungen sind Schätze. Ich war einmal auf einer fantastischen Party, kurz nach der Zwischenprüfung in Neuerer und Neuester Geschichte, auf der "Pulp-Fiction" stummgeschaltet in Endlosschleife lief und ich zu viel Wodka aus einer Henkeltasse getrunken habe. Ich werde das nie wieder tun. Und es ist gut so.

Meine Hoffnungen sind dafür fokussierter als früher. Ich weiß, was ich kann, was ich nicht kann, was ich will, was nicht. Und dass ich überhaupt nichts verpasse, wenn ich am Samstagabend daheimbleibe, wenn ich Lust darauf habe und einfach nur auf der Couch sitzen will. Das ist ein Geschenk. Ich muss niemandem mehr in einer Disco ins Ohr brüllen. Ich darf die Musik hören, die ich will, egal, wie angesagt sie auf dem Schulhof ist. Ich weiß, dass dieser Text nicht über meine Karriere entscheiden wird. Das ist wahnsinnig entspannend.

Wissen, was Zeit wert ist

Ich erinnere mich noch gut daran, welchen Stress ich vor Prüfungen hatte. Habe ich genug gelernt? Habe ich das Thema wirklich verstanden? Soll ich noch eine Stunde machen oder lieber ins Bett gehen, um wirklich ausgeschlafen zu sein? Wenn ich den Führerschein nicht verliere und mich nicht entscheide, eine völlig neue Ausbildung zu beginnen, werde ich nie wieder eine Prüfung machen müssen. Und ich muss mir auch keine Gedanken mehr machen, was andere über mich denken.

Ich weiß jetzt auch, was mir meine Zeit wert ist. Stundenlang Computerspielen? Bücher zu Ende lesen, die mich längst verloren haben, nur aus Prinzip, weil ich schon so weit gekommen bin? Leute treffen, die ich nicht mag? Ich bin 40, ich muss mir das nicht mehr antun.

Machen, was Spaß macht

Dafür darf ich das machen, was mir Spaß macht. Geschichten erzählen, meinem Sohn die Welt zeigen, spannende Bücher lesen, meine alte Musik hören. Gucken, was kommt. Irgendwann wird es wieder irgendwo zwicken. Die Zahl der Arztbesuche wird zunehmen. Irgendwann wird meine Chefin jünger sein, dann die Bundeskanzlerin, dann vielleicht der Papst oder die Päpstin.

Die Zeiten ändern sich. Und ich mich mit ihnen. Ich bin jedenfalls gespannt, was die nächsten 40 Jahre bringen.