Landgericht Freiburg

63-Jähriger für 132 Missbrauchsfälle zu langjähriger Haft verurteilt

Peter Sliwka

Von Peter Sliwka

Fr, 22. Mai 2020 um 16:57 Uhr

Titisee-Neustadt

Ein Mann aus dem Hochschwarzwald hat seine Stiefenkelin im Alter zwischen neun und 14 Jahren sexuell missbraucht. Nun wurde er zu einer Freiheitsstrafe von achteinhalb Jahren verurteilt.

Weil ein 63-Jähriger aus dem Hochschwarzwald über Jahre hinweg seine Stiefenkelin im Alter zwischen neun und 14 Jahren sexuell missbrauchte, ist er am Freitag zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von achteinhalb Jahren verurteilt worden. Darüber hinaus hat das Gericht die anschließende Sicherungsverwahrung angeordnet.

Das Urteil umfasst unter anderem 132 Fälle des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern, davon 52 Mal in Tateinheit mit Vergewaltigung. Weitere Fälle sind auf Antrag der Staatsanwältin eingestellt worden. Es gab auch einen Teilfreispruch.

Zu Gunsten des 63-Jährigen ist das Gericht davon ausgegangen, dass er seine Stiefenkelin zwei Mal pro Monat und nicht zwei bis drei mal pro Woche missbraucht habe. Ausdrücklich betonte der Vorsitzende Richter der Zweiten Großen Jugendstrafkammer, Alexander Schöpsdau, dass die Aussagen der Zeuginnen uneingeschränkt als zutreffend und glaubwürdig eingestuft wurden. Der Angeklagte, verteidigt von Ulf Köpcke, hatte in dem siebentägigen Prozess, die BZ berichtete, geschwiegen. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit sagten in der Folge die betroffenen Zeuginnen aus.

Die Zeuginnen selbst hätten keinen Belastungseifer gezeigt

Schöpsdau erinnerte in seiner Urteilsbegründung daran, dass die Zeuginnen selbst keinen Belastungseifer gezeigt hätten und auch keine Anzeige erstatten wollten. Die Initiative sei von einer Mutter ausgegangen. Er erwähnte, vermutlich in Erwiderung des Verteidigerplädoyers, dass die Anklage hinreichend bestimmt gewesen sei. Sie erfülle die Mindestanforderungen. Der Hintergrund: Ein Angeklagter kann sich nur gegen konkret benannte Vorwürfe, wann, wo und wie, verteidigen. In Fällen, in denen sich zum Beispiel ein sexueller Missbrauch über Jahre hinzieht, können sich die Betroffenen oft nicht mehr an einzelne Taten und deren Umstände erinnern. Dies gelingt ihnen meist nur noch, wenn sie im Umfeld von Geburtstagen, Festen oder im Zusammenhang mit Schulereignissen stattgefunden haben. Dementsprechend hatte Köpcke während der Beweisaufnahme die Ermittler kritisiert, dass die Arbeits- und Urlaubszeiten seines Mandanten nicht ausreichend ermittelt worden seien. Er habe Schicht gearbeitet und sei gar nicht immer zu Hause gewesen, als er angeblich zudringlich geworden sei soll.

Zur besonderen Glaubwürdigkeit der Aussagen von zwei Zeuginnen führte Schöpsdau an, dass sie unabhängig von einander berichtet hatten, dass der Angeklagte beim Versuch, in sie einzudringen, gesagt habe, dass es nur kurz weh tun, dann aber schön werden würde. Eine Überraschung für die Prozessbeteiligten nannte Schöpsdau die angeordnete Sicherungsverwahrung. Sie sei im Rahmen der unter Ausschluss der Öffentlichkeit gehaltenen Plädoyers von der Staatsanwältin nicht gefordert worden.

Der Angeklagte saß bereits zehn Jahre in Kasachstan in Haft

Der Angeklagte, so die Urteilsbegründung, habe ohne sein Zutun in seiner Sexualität eine pädophile Nebenströmung. Von 1984 bis 1994 habe der Angeklagte in Kasachstan in Haft gesessen, weil er eine minderjährige Cousine geschwängert habe. Nach seiner Freilassung habe er junge Mädchen aus dem Verwandtenkreis sexuell bedrängt. Dieses Verhalten habe er nach der Übersiedlung der Familie in den Hochschwarzwald fortgesetzt. Für das Gericht ein eingeschliffenes Verhalten des 63-Jährigen, von dem er sich trotz der zehnjährigen Haft nicht habe abhalten lassen.

Das Schweigen des Angeklagten im Prozess mache es dem Gericht unmöglich zu erkennen, ob er den Hang zu Sexualstraftaten mit Hilfe von Therapien in den Griff bekommen wolle. Daher müsse davon ausgegangen werden, dass er derzeit eine Gefahr für die Allgemeinheit darstelle. Ob die Sicherungsverwahrung am Strafende tatsächlich notwendig sei, werde vom Erfolg möglicher Therapien während des Vollzugs abhängen; von Gutachten und der Entscheidung einer Strafvollstreckungskammer. Gegen das Urteil kann binnen einer Woche Rechtsmittel eingelegt werden.

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