Nis

Für die abgeschobene Sadbera Ametovic und ihre Kinder gibt es keine Lösung

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Di, 21. Februar 2017

Freiburg

Die Empörung war riesig: Ende Januar 2015 wurden Sadbera Ametovic und ihre sechs Kinder ins Roma-Lager im serbischen Nis abgeschoben. Ein Happyend ist auch zwei Jahre später nicht in Sicht. Die Familie lebt weiter im Elend.

Ein Häuschen, das vom Freiburger Jugendhilfswerk mit 16 000 Euro Spenden gekauft wurde, hat Sadbera Ametovic schnell wieder verlassen: Sie fühlte sich dort allein und überfordert. In Freiburg hatte sie sozialpädagogische Unterstützung. Das Jugendamt hatte bei einem Wegfall vor einer Gefährdung des Kindeswohls gewarnt.

Vergangenen Herbst sollte es endlich aufwärts gehen. Nach eineinhalb Jahren war es den Helfern des Jugendhilfswerks nach vielen Mühen gelungen, ein Haus für die Ametovics zu kaufen. Sie hatten die kleinen, teils kranken Kinder und ihre ebenfalls kranke und psychisch labile Mutter gleich nach der Abschiebung im Roma-Lager Nis besucht und waren entsetzt über die schlechten Bedingungen dort.

Auch Unterstützer vom "Freiburger Forum aktiv gegen Ausgrenzung" waren mehrmals in Nis. Nur dank der Spenden aus Freiburg konnte sich die Familie überhaupt über Wasser halten – denn laut Sadbera Ametovic und einer Unterstützerin in Nis kam länger als ein Jahr keine Sozialhilfe bei den Ametovics an. Inzwischen habe sich das geändert, sagt Karin Herbener vom Jugendhilfswerk. Allerdings reichen die knapp 100 Euro Sozialhilfe monatlich bei weitem nicht aus.

Dieses Problem kann das Jugendhilfswerk nicht dauerhaft lösen, zumindest für ein besseres Umfeld aber wollten die Unterstützer sorgen. Sie hatten den Alltag im Lager Nis erlebt, der geprägt ist von monatelangen Stromsperrungen und kalten, kaputten, feuchten Wohnungen mit viel zu vielen Menschen in großer Armut.

Im vergangenen Herbst wurde ein Häuschen in einem kleinen Ort gekauft, wo genau, sollte geheim bleiben. Denn es gab immer wieder Probleme mit dem Vater der Kinder, mit dem Sadbera Ametovic zusammenlebt, aber nicht verheiratet ist. Sie und die Kinder sollten an einem neuen Ort ein neues, weniger belastetes Leben beginnen können.

Sadbera Ametovic sei sehr dankbar für diese Chance gewesen, berichtet Karin Herbener. Umso schockierter waren alle beim Jugendhilfswerk über die Nachricht, dass die Mutter und ihre Kinder nach einer oder zwei Wochen wieder ins Roma-Lager zurückkehrten. Warum? Das lässt sich von Freiburg aus nur bruchstückhaft klären. In Telefongesprächen mit Karin Herbener und Walter Schlecht vom "Freiburger Forum" schilderte Sadbera Ametovic, dass zwei der dauerhaft gesundheitlich angeschlagenen Kinder ernsthaft krank waren, ein Sohn habe eine Operation gebraucht. Sie sei auch selbst ständig krank und fühle sich überfordert und allein gelassen, sagt Walter Schlecht. Außerdem sei eines der Kinder vom Vater – der den Ort doch ausfindig machte – abgeholt und mit zurück ins Roma-Lager geholt worden, sagt Karin Herbener.

Eine wichtige Rolle spiele auch, dass die Sozialhilfe nicht zum Überleben reiche, glaubt Walter Schlecht. Im Roma-Lager gebe es eher Möglichkeiten, etwas zu essen aufzutreiben. Aber auch dort würden Sadbera Ametovic und ihre Kinder hungern – das habe sie weinend am Telefon erzählt. Die Unterstützer vom Jugendhilfswerk wollten versuchen, nach und nach ein kleines Hilfenetz in der neuen Umgebung aufzubauen, doch dazu konnte es nun nicht kommen.

Jetzt sind sie ratlos. Möglicherweise starten sie noch einen zweiten Versuch: Dann aber soll jemand aus dem Roma-Lager mitkommen, damit Sadbera Ametovic dort nicht allein ist. Doch wer eignet sich dafür? Für das "Freiburger Forum" steht fest: Nur eine Rückkehr nach Freiburg könnte den Ametovics helfen. Über eine Petition beim Deutschen Bundestag, die genau das fordert, wurde laut Sebastian Ballmann, dem Mitarbeiter der Bundestagsabgeordneten Annette Sawade, immer noch nicht entschieden.