Ach ja, die Achtziger

Dominik Bloedner

Von Dominik Bloedner

Do, 09. September 2021

Literatur & Vorträge

Sven Regeners Roman "Glitterschnitter".

"Wenn die Schwaben berlinern, dann läuft was falsch am Folkloretag. Schwaben sollen schwäbeln." Das sagt ausgerechnet ein Österreicher, P. Immel ist sein Name, der fern der Heimat Wien-Ottakring im winterlichen Berlin mit seinem Jugendfreund Kacki und dem Künstlerkollektiv ArschArt selber auf der Austrowelle surft.

Willkommen in den Achtzigern und in der Welt des Sven Regener. "Glitterschnitter" heißt sein neuer Roman, nahtlos schließt er an die "Wiener Straße" (2017) und damit an die anderen Bücher der "Lehmann-Serie" an. Da ist wieder der Wirt Erwin Kächele, der das Café Einfall betreibt und nun die schwangeren Frauen seiner schwangeren Freundin zu Gast hat. Da ist seine Nichte Chrissie, die aus Stuttgart geflohen ist und am Tresen hilft. Da sind Karl Schmidt und Frank Lehmann, alte Bekannte. Da sind der Aktionskünstler H. R. Ledigt und sein Agent Wiemer, die es auf eine Mauerstadt-Vernissage drängt. Da sind die Mitglieder der Band Dr. Votz und Glitterschnitter, die eine herzliche Abneigung verbindet und die in der Kneipe Intimfrisur ein wüstes Konzert geben werden.

Zurück also in die Zeiten, in denen die Schale Milchkaffee in den Szenekneipen Einzug hielt, Punker noch ordentliche Irokesenfrisuren hatten und Nichtraucher eine argwöhnisch beäugte, seltene Spezies waren. Ach ja. Regener macht das, was er seit nun schon 20 Jahren recht erfolgreich als Autor tut: Er verklärt die Epoche seiner Jugend und unterhält dabei mit durchaus witzigen Dialogen, prallen Szenen und schönen Beschimpfungen wie "Sackhaarondulierer" – doch gleichzeitig bietet er auch dieses Mal lediglich ein Mehr vom Gleichen.

Das neue Buch plätschert dahin wie die Songs seiner Band Element of Crime: ziemlich erwartbar und irgendwie nett, mehr aber auch nicht. Man würde Sven Regener, diesem inzwischen auch schon 60-jährigen feinsinnig-humorvollen Zeitgenossen, herzlich wünschen, dass er einmal aus seiner Vergangenheitsblase ausbricht und uns mit etwas Neuem überrascht und erfreut.

Sven Regener: Glitterschnitter. Roman. Galiani Verlag, Berlin 2021. 474 Seiten,
24 Euro.