Corona-Lesergeschichten

Achtklässler aus Weil schreiben ein Tagebuch an Anne Frank

Schülerinnen und Schüler des Weiler Kant-Gymnasiums

Von Schülerinnen & Schüler des Weiler Kant-Gymnasiums

Sa, 27. Juni 2020 um 18:38 Uhr

Südwest

Schüler des Weiler Kant-Gymnasiums haben in der Corona-Krise das Tagebuch der Anne Frank gelesen. Dabei haben sie über ihre eigene Situation nachgedacht – und gelernt, das Positive zu sehen.

Corona stellt unser Leben auf den Kopf und wird in die Geschichte eingehen. Doch diese Geschichte schreiben nicht nur Virologen, Experten und Politiker – sondern wir alle. Die BZ hat ihre Leserinnen und Leser nach ihrer ganz persönlichen Corona-Geschichte gefragt. Heute schreiben Anastasia Kakunin, 14 Jahre, aus Weil am Rhein, Lirian Salihi, 14 Jahre, auch aus Weil am Rhein und Zoé Graß, 14 Jahre, aus Schallbach.

Die Klasse 8b des Weiler Kant-Gymnasiums hat während der Schulschließung in der Corona-Krise ein Projekt zum Tagebuch der Anne Frank realisiert, schreibt Deutschlehrerin Heike Stieltjes. Die Schülerinnen und Schüler haben das Tagebuch der Anne Frank gelesen und parallel über ihr Leben in Zeiten von Corona nachgedacht. Ihre Gedanken und Gefühle spiegeln sich in ihren Tagebucheinträgen wider.

Liebes Tagebuch,
je länger ich hier in Quarantäne sitze, desto mehr schätze ich alles in meinem Leben. Anne Frank inspiriert mich dazu, alles wertzuschätzen, was man besitzt. In ihrem Tagebuch erzählt sie, wie sehr sie ihre Familie und Freunde schätzt (denn nicht jeder hat so etwas Besonderes). Sie lebte während des Zweiten Weltkrieges und durchlebte eine schwere Zeit, aber sie war trotzdem mit dem glücklich, was sie hatte. Das ist wunderschön. Jetzt ist genau die Zeit, sich einmal auf sich selbst zu fokussieren und nachzudenken, was man am meisten im Leben wertschätzt.
Ich habe ein Dach über meinem Kopf, eine tolle Familie, die besten Freunde und immer genügend Essen im Kühlschrank. Damit soll man klarkommen. Nicht jeder besitzt so viel, wie wir es haben. Um genau zu sein, ist das schon Luxus. Also, mein liebes Tagebuch, jetzt weißt du, welche Erfahrungen ich in letzter Zeit gesammelt habe.
Anastasia

Liebes Tagebuch,
der Eintrag von Anne am Freitag, den 20. November 1942, erinnert mich ein wenig an die Anfangszeit der Corona-Krise, denn sie sagt sinngemäß, dass sie, ihre Familie und andere Juden nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Sollen wir in Panik ausbrechen und die Regale in den Supermärkten leerkaufen oder sollen wir einfach unser Leben wie zuvor weiterführen, Ruhe bewahren und vor allem weiter lachen und nicht traurig sein, dass wir unsere Freunde nicht sehen oder mal nicht ins Kino gehen können?
Sie sagt: "Um mich herum ist eine große Leere." Vielleicht ist es ja das, was die Menschen zurzeit durchmachen und auch eine Leere in ihrem Leben und in ihren Herzen spüren, aber vielleicht ist das gleichzeitig die beste Zeit, um einmal über das eigene – vergangene wie zukünftige – Leben nachzudenken und zu reflektieren. Anne erzählt, dass sie früher nie darüber nachgedacht hat. Darin sehe ich eine Parallele zur momentanen Lage, denn wir sind von den ganzen sozialen Netzwerken und der Welt geblendet und kommen auch nie dazu, über uns selbst nachzudenken.
Ein weiterer Eintrag, der mich diesmal erfreut, ist der Eintrag am Sonntag, den 11. Juli 1943, denn sie erzählt sinngemäß, dass sie sich sehr viel Mühe gibt, um hilfsbereit, freundlich und richtig zu handeln. Alle sollten sich jetzt so wie Anne und nicht wie Tiere verhalten.
Lirian

Liebes Tagebuch,
heute habe ich eine erstaunliche Entdeckung beim Lesen von Anne Franks Tagebuch gemacht. Sie schrieb: "Die sorglose, unbekümmerte Schulzeit wird so nicht zurückkommen. Ich sehne mich noch nicht einmal danach, ich bin darüber hinausgewachsen."
Und ob du es glaubst oder nicht, in diesem kleinen Textabschnitt kann auch ich mich wiedererkennen. Zwar weiß ich, dass eine normale und unbeschwerliche Schulzeit im Moment noch nicht in Sicht ist, doch es ist gar nicht so schlimm. Für mich hat ein neuer Abschnitt des Lebens begonnen. Durch das Homeschooling und mein Leben zuhause habe ich viele neue Seiten an mir entdeckt. Ich habe dazugelernt und mich in puncto Technik weiterentwickelt. Klar gibt es bei mir wie auch bei Anne Momente, in denen man sich die alte Zeit sehnlich zurückwünscht. Doch dann passiert wieder etwas Erfreuliches und man vergisst die schlechten Gedanken. Bei Anne war dies zum Beispiel ihr Freund Peter. Die beiden hatten die gleichen Ängste, Probleme und Sorgen und waren füreinander da, redeten miteinander und teilten ihre Gedanken.
Was ich damit sagen will, ist, dass unsere Situation etwas Positives hat. Und ich meine damit nicht nur, dass die Natur endlich einen Erholungsmoment von den ganzen CO2-Belastungen hat und einen Moment verschnaufen kann. Nein, ich denke auch, dass sich die Einstellungen vieler Menschen verändert haben. Man nimmt kleinere Dinge anders wahr als vielleicht noch vor ein paar Monaten. Zudem denke ich, dass viele Menschen neue Fähigkeiten in sich entdeckt haben oder sich in verschiedenster Weise verändert haben. Und mit diesen Gedanken versuche ich das Beste aus der Situation zu machen.
Tschüss und bis morgen! Zoé