Geburtstag in Stegen

Agnes Alleweldt feiert am Karsamstag ihren 100. Geburtstag

bz, niv

Von BZ-Redaktion & Nikola Vogt

Sa, 03. April 2021 um 08:00 Uhr

Stegen

Agnes Alleweldt aus Stegen feiert am Karsamstag ihren 100. Geburtstag. Sie blickt auf ein bewegtes Leben voller glücklicher Zufälle zurück. Geboren wurde sie in einem Dorf, das heute zur Ukraine gehört.

Deutsch, russisch, polnisch – nach wie vor spricht Agnes Alleweldt aus Stegen alle drei Sprachen gut. Auch heute noch, in ihrem hohen Alter. Das hängt mit ihrer bewegten Geschichte zusammen, geprägt von den Wirren des Krieges. Am heutigen Karsamstag feiert Agnes Alleweldt ihren 100. Geburtstag. Zeit, für einen Blick zurück.

Das Leben von Agnes Alleweldt beginnt vor hundert Jahren im Osten des damaligen Polens, der heutigen Ukraine. In einem gottverlassenen Dorf inmitten der Pripjetsümpfe treffen sich ihre Eltern, beide heimatlos geworden durch die russische Revolution und doch gerettet durch glückliche Umstände: Ihre Mutter, Russin, entgeht der Deportation nach Sibirien durch die neue Grenzführung nach dem Ersten Weltkrieg. Ihr Vater, Deutscher, dessen Familie nach Georgien ausgewandert war, entgeht der anberaumten Erschießung durch das Ende des Krieges.

Gemeinsam bauen sie sich ein neues Leben in dem damals polnischen Ort Berestje auf. Hier erblickt Agnes Alleweldt am 3. April 1921 das Licht der Welt. Ihre Mutter ist von Beruf Lehrerin und wird Leiterin der Dorfschule, ihr Vater gründet eine kleine Molkerei. Ihre Schwester und sie verbringen eine glückliche Kindheit in dem großen Schulhaus mit dem riesigen Garten. Auch wenn sie, um das Gymnasium besuchen zu können, bei fremden Familien in der Stadt wohnen müssen, so bleiben ihnen immer die langen Ferien zuhause.

Ihre Familie gerät zwischen die Fronten

Agnes Alleweldts Leben scheint vorgezeichnet, sie plant, nach dem Abitur Lehrerin zu werden. Doch dann beginnt der Zweite Weltkrieg, und ihre Familie gerät zwischen die Fronten. Deutsche marschieren ein. Polen, Russen und ukrainische Partisanen versuchen, sich zu wehren. Es wird gefährlich für die Zivilisten.

Dann entdeckt Alleweldts Vater in einer deutschen Zeitung den Namen eines verloren geglaubten Vetters, der Teil der Nazi-Regierung geworden war, und nimmt Kontakt mit ihm auf. Mit Hilfe dieses Verwandten gelingt ihrer Familie im Jahr 1941 die Flucht nach Deutschland – und der Start in ein neues Leben.

Landwirtschaftlich-technische Assistentin

Statt Lehrerin wird Agnes Alleweldt hier landwirtschaftlich-technische Assistentin. Ihr Beruf führt sie über Österreich und Bayern nach Hessen. Dort lernt sie ihren künftigen Mann kennen, der in Gießen Agrarwirtschaft studiert. 1952 heiraten die beiden. Kurze Zeit später werden ihre ersten beiden Töchter geboren. Beruflich verschlägt es Alleweldts Ehemann in die Pfalz. Dort verbringt Agnes Alleweldt dann auch die längste Zeit ihres Lebens. Zwei weitere Kinder werden geboren, eine dritte Tochter und ein Sohn. Haushalt und Kinder werden Agnes Alleweldts Erfüllung.

Ihr Mann macht Karriere als Leiter des staatlichen Forschungsinstituts für Weinbau und Rebenzüchtung und übernimmt später auch den entsprechenden Lehrstuhl der Universität Hohenheim. Er reist viel, und wenn ihn seine Wege nach Russland führen, begleitet ihn seine Frau oft, da sie russisch spricht. Sie lernt die Heimat ihres Vaters in Tiflis in Georgien kennen und findet weitere Verwandte, die dort noch immer leben. Der Kontakt ist sehr herzlich und gegenseitige Besuche waren oft möglich.

Umzug in den Dobelhof

2005 verstirbt Alleweldts Ehemann. Ganz alleine zu leben, war ihr nicht angenehm, und so ist sie ihrer Tochter und ihrer Partnerin ungemein dankbar, dass sie sich bemüht haben, ein Haus zu finden, so dass sie zu ihnen ziehen konnte. Dieses Haus ist der Dobelhof in Stegen. Und so hat es die Jubilarin ins Dreisamtal verschlagen, wo es ihr gut geht im Kreis ihrer Familie. Sie schaut von ihrem Fenster aus auf den Ruheberg, wohl wissend, dass sie dort ihren letzten Ort hier auf Erden haben werde.

Aber bis dahin bleibt vielleicht noch etwas Zeit, und die möchte Agnes Alleweldt aus ganzem Herzen genießen. Schon immer hat sie soziale Kontakte sehr gepflegt, das tut sie, vor allem telefonisch, auch heute noch. Ihre Tochter Christiane Alleweldt, mit der sie auf dem Dobelhof lebt, beschreibt ihre Mutter als sehr soziale und offene Frau – über nationale Grenzen hinweg – mit einem riesigen Bekanntenkreis. "Sie hat immer in die Welt gerufen, jetzt kommt es zurück", sagt sie. Ihre Verwandten rund um die Welt hielten Kontakt, "da ist viel Leben da. Sie ist nicht einsam", sagt die Tochter.

Agnes Alleweldts heutiger Geburtstag wird, coronabedingt, aber ein sehr ruhiger Tag werden. Gefeiert wird im engsten Familienkreis.