Landwirtschaft

"Allianz für das Niederwild" will Rebhuhn und Fasan zu mehr Lebensraum verhelfen

Julius Steckmeister

Von Julius Steckmeister

Mo, 13. September 2021 um 10:00 Uhr

Bad Krozingen

Die "Allianz für das Niederwild" will Offenlandarten in der Kulturlandschaft wieder mehr Lebensraum schaffen. Wie das funktionieren kann, erläuterten Experten bei einer Exkursion nach Bad Krozingen.

Was hat es mit der 2016 ins Leben gerufenen "Allianz für das Niederwild" auf sich: Neben der gezielten Bejagung sogenannter Prädatoren steht die Schaffung von Lebensräumen für Niederwildarten im Vordergrund. Darüber informierten in einem Feld neben dem Bad Krozinger Ortsteil Schmidhofen Jagdpächter Paul Schmid, Anne Scholl von der Wildforschungsstelle des Landes und René Greiner vom Landesjagdverband die Vertreter aus Landwirtschaft, Jagd, Naturschutz, Kommunen und Behörden sowie Bürger.

Jahrhunderte ist es her, dass der Mensch einst größtenteils bewaldete Flächen rodete und für Ackerbau und Viehzucht zu nutzen begann. So entstand auch in unserer Region eine neuartige Landschaftsform, eine Kulturlandschaft nämlich, die vielen Tieren einen ganz speziellen Lebensraum bietet. Die wohl bekanntesten unter den sogenannten Offenlandarten sind Fasan, Feldhase und Rebhuhn. Diese, so war gleich zu Beginn der Exkursion von René Greiner zu erfahren, sind nicht nur extrem selten geworden, sondern fungieren auch als sogenannte Bioindikatoren. Wo sie schwinden, hängt ein Ökosystem schief.

"Eine Jahrhunderte alte Landwirtschaft wurde innerhalb von 50 Jahren komplett umgekrempelt" René Greiner

Die Ursachen für die Schieflage liegen zum einen im Wandel der Landwirtschaft, die sich in nur gut einem halben Jahrhundert von oft kleinteiliger und händischer Feldarbeit zu einer hochtechnisierten, oft von Monokulturen bestimmten Agrarindustrie gewandelt hat. "Eine Jahrhunderte alte Landwirtschaft wurde innerhalb von 50 Jahren komplett umgekrempelt", bedauert Greiner.

Damit wurden für das Niederwild Lebensraum und Nahrungsquellen gleichermaßen rar. Zum anderen vermehrte sich insbesondere ein großer Feind des Niederwildes - der Rotfuchs nämlich. Bis Mitte der 1970er Jahre hatte man Meister Reineke arg zugesetzt, denn die Tollwut, die durch Füchse auf Haustiere und auch den Menschen übertragen werden kann, führte zu einer radikalen Eindämmung der Fuchspopulationen.

Blühbrachen bieten auch Insekten eine Heimat

Mit der Entwicklung der Tollwutimpfung seien die Fuchsbestände bis heute wieder rapide angewachsen, erläutert Jagdpächter Paul Schmid. Gerade die Prädatoren, zu denen neben dem Fuchs auch Raubvögel wie Habicht und Sperber zählen, seien indes eine "Stellschraube mit großer Wirkung" für die Niederwildbestände. Hier nun schließt sich der Kreis zu Landschaft und Landwirtschaft. Die meisten "modernen" Äcker bieten dem Niederwild weder Schutz- noch Lebensraum – nicht zuletzt, weil sie nach der Ernte nichts mehr sind als blanker Boden. "Wir brauchen wieder ganzjährige Lebensräume", betonte Wildtierexpertin Anne Scholl.

Lebensraumverbesserung und Prädatoren-Management seien die wesentlichen Bausteine zum Schutz von Offenlandarten. Eben hier kommt der Allianz-Gedanke ins Spiel: Behörden, Jagd- und Naturschutzverbände, sowie Grundbesitzer und Landwirte – jeder kann einen wichtigen Beitrag leisten.

"Wir brauchen wieder ganzjährige Lebensräume" Anne Scholl

Wie der Beitrag von Grundbesitzern beziehungsweise Landwirten aussehen kann, erklärt Jan Flessa vom Landschaftserhaltungsverband (LEV) Breisgau-Hochschwarzwald. Allein in der Allianz-Modellregion Markgräflerland, eine von vieren in Baden-Württemberg, habe man seit 2019 auf 16 Hektar sogenannte Rotationsbrachen angelegt, Flächen, die über einen mehrjährigen Zeitraum zunächst als Blühbrache – teils sogar mit einer speziellen "Niederwild-Mischung bepflanzt" - dann als extensiv bewirtschaftete Äcker genutzt würden.

Hinzu kämen fünfjährige, reine Blühbrachen, ergänzt Anne Scholl. Beide seien nicht nur wichtiger Brut- und Schutzraum für die Niederwildarten, sondern böten auch Insekten eine Heimat, wie René Greiner mit dem gut gefüllten Kescher inmitten einer Blühbrache eindrucksvoll unter Beweis stellt. Diese wiederum seien insbesondere für Rebhuhnküken die zentrale Nahrung, weiß Greiner.

Um die Arbeit der Allianz weiter voranzutreiben, sei Flächen-Akquise der wohl wichtigste Baustein, betont Jan Flessa, denn es gelte, für das Niederwild in der gesamten Modellregion miteinander verbundene Lebensräume, sogenannte Trittsteine zu schaffen. Mögliche Hürden, etwa Verdienstausfälle für beteiligte Landwirte, könnten über verschiedene Fördertöpfe geschlossen werden, führte Anne Scholl aus.

Noch etliche dicke Bretter zu bohren gilt es offensichtlich in Sachen Bürokratie. Hier, beklagte ein Exkursionsteilnehmer und Landwirt, seien die Hürden, etwa um eine Blühbrache auszuweisen, noch deutlich zu hoch.

Informationen zur Allianz für das Niederwild unter https://www.wildtierportal-bw.de und https://www.landesjagdverband.de/projekte/ allianz-fuer-niederwild.