Tiere in der Stadt (9)

Am Freiburger Münster leben 2000 Fledermäuse

Sina Gesell

Von Sina Gesell

Sa, 28. Mai 2016 um 00:00 Uhr

Freiburg

Das Fledermäuse beeindruckende Flugakrobaten sind, kann man im Glücksfall auch in der Stadt beobachten. Am Freiburger Münster leben gleich 2000 von ihnen – allerdings sind die ziemlich winzig.

Kleine Biester, die durch die Nacht flattern und nichtsahnenden Menschen ihre Zähne in den Hals bohren und ihnen das Blut aussaugen – Fledermäuse haben zumindest in Literatur und Film keinen guten Ruf.

Warum leben Fledermäuse in der Stadt?
Fledermäuse suchen sich Quartiere, die sie vor Wind und Wetter schützen und in denen sie vor Feinden sicher sind. Selbst bauen sie sich keine Nester, sondern sind auf schon vorhandene Unterschlupfmöglichkeiten angewiesen, heißt es auf der Webseite "Wildtiere in der Stadt" der Uni. Die finden sie in Baumhöhlen, Holzfensterläden, Dachböden oder auch Kirchendachstühlen und Glockentürmen – wie in Freiburg.

"Für Fledermäuse ist das Münster wie ein Fels in der Landschaft", sagt Edmund Hensle, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Fledermausschutz (AGF) Baden-Württemberg und viele Jahre lang Fledermausbeauftragter der Stadt Freiburg. Er schätzt, dass rund 2000 Zwergfledermäuse – mit zusammengefalteten Flügeln würde sie in eine Streichholzschachtel passen – im Mauerwerk des Münsters leben. Auch Fundtiere seien dort schon ausgesetzt worden. "Die kann man einwandfrei in die Löcher stopfen", so Hensle.

"Wir kriegen von den Fledermäusen wenig mit", sagt Münstermesner Peter Kopp. "In der Abendmesse kann es schon mal vorkommen, dass eine oder zwei durchs Münster flattern. Manchmal sieht man auch nur einen Schatten." Kopp erzählt von einer Frau, die "völlig aufgelöst" war, weil sie meinte, eine Vogelspinne entdeckt zu haben. "Wie sich herausstellte, war es eine Fledermaus."

Doch nicht nur im Münster haben Fledermäuse ein Zuhause gefunden. In Freiburg gibt es laut Hensle 15 verschiedene Arten, die sich in der Stadt verteilen. Die seltenste ist die Wimperfledermaus. Eine Kolonie hat sich ein sogenanntes Wochenstubenquartier im Dachstuhl des Friedrich-Gymnasiums eingerichtet. Im April finden sich Weibchen zusammen, um gemeinsam ihre Jungen aufzuziehen.

Wie läuft das Zusammenleben zwischen Mensch und Tier?
"Fledermäuse sind sehr scheue Tiere und kommen dem Menschen meist nicht besonders nah", sagt Experte Hensle. Wenn sich eine beispielsweise im Keller einnistet, "lässt man sie am besten in Ruhe". Auch wenn die Flattermänner Dreck machten, eine Gefahr gehe nicht von ihnen aus – obwohl sie Fledermaustollwut haben könnten.

Letztmals nachgewiesen wurde die Krankheit laut Hensle vor circa fünf Jahren, als ein Tier daran gestorben war. Zudem sollen Fledermäuse andere gefährliche Viren in sich tragen wie Sars. Wer ein verletztes Tier findet, sollte immer Handschuhe tragen, rät der 71-Jährige. Selbst kranke Tiere würden Menschen nicht angreifen. Auch wenn eine Fledermaus direkt auf einen zufliege, müsse man keine Angst haben: "Sie misst die Umrisse aus und fliegt dann an einem vorbei."

Was tun, wenn Fledermäuse die Wohnung besetzen?
Wenn sich eine Fledermaus in eine Wohnung oder ein Haus verirrt, kann es passieren, dass ihr andere Fledermäuse folgen, sagt Hensle. "Fledermäuse sind neugierig", sagt er und erzählt von einer Wohnung in Freiburg, in der plötzlich fast 200 Tiere herumflatterten. "90 haben sich im Klavier versteckt." Ziemlich viel Dreck hätten die Zwergfledermäuse gemacht. In solchen Fällen rät der Experte: Das Fledermaus-Nottelefon der AGF anrufen (Tel. 0179/4972995).

Fledermäuse versus Windkraft
Mächtig für Wirbel gesorgt haben Fledermäuse am Rosskopf: 2005 wurden 31 tote Fledermäuse unter den Windrädern gefunden. Die tatsächliche Zahl soll aber viermal so hoch sein, schätzte ein Gutachter. Forscher der Universität von Calgary haben mittlerweile die Todesursache herausgefunden: Das sogenannte Barotrauma – hervorgerufen durch die von Rotoren erzeugten Druckunterschiede – lässt ihre Lungen platzen. Der Fledermaus-Krimi von Freiburg endete schließlich mit einem Kompromiss: In windschwachen Sommernächten, in denen die Tiere aktiver sind, werden die vier Windräder abgeschaltet.

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