Literatur

Auf den Spuren von Mark Twain in Heidelberg und im Schwarzwald

Armin E. Möller

Von Armin E. Möller

So, 09. Mai 2021 um 14:38 Uhr

Reise

"Das Höchstmögliche an Schönheit": In seinem Buch "Bummel durch Europa" schwärmt Mark Twain von Heidelberg. Für andere Orte und Regionen im Südwesten findet er kaum lobende Worte.

Amerikaner lieben Heidelberg und den Black Forest – den Schwarzwald. Mag sein, dass sich abzeichnende Geldschwierigkeiten des amerikanischen Schriftstellers Mark Twain und das ungeduldige Drängen seines Verlegers dazu beigetragen haben – letzterer bestand auf die vertragsgemäße Lieferung neuer Buchmanuskripte. Twain, der mit "Tom Sawyers Abenteuer" und "Huckleberry Finns Abenteuer" weltberühmt geworden war, musste sich vor 142 Jahren etwas einfallen lassen, um nicht in finanzielle Probleme zu geraten. So entstand "Bummel durch Europa" ("A Tramp Abroad"): ein Reise- und Anekdotenbuch, und auch eine humoristische Beschreibung von Deutschen, Schweizern und Italienern des späten 19. Jahrhunderts.

Alles dreht sich um Heidelberg

Zentraler Ort von Twains Europarecherche ist Heidelberg. Der Stadt und ihrer Umgebung widmet Twain mehr Raum als jedem anderen Ziel seiner – so war es geplant – "Fußwanderung", die dann doch keine war. Der Amerikaner reist, wo es geht, per Bahn, auch wenn er hier und da in Wanderschuhen durch die Wälder um Heidelberg oder durch den Nordschwarzwald streift. Dabei verzichtet er gerne auf die Begleitung seiner Entourage. Der Dichter reist standesgemäß mit Ehefrau, seinen beiden Töchtern, dem dazugehörigen Kindermädchen und einer Freundin seiner Frau. Mit ihnen steigt er in einem Heidelberger Hotel unweit des Schlosses ab.

Warum Heidelberg? Vielleicht deshalb: "Man glaubt, Heidelberg – mit seiner Umgebung – bei Tage sei das Höchstmögliche an Schönheit; aber wenn man Heidelberg bei Nacht sieht, eine herabgestürzte Milchstraße, an deren Rand jenes glitzernde Sternbild der Eisenbahn geheftet ist, dann braucht man Zeit, um sich das Urteil noch einmal zu überlegen." Und Twain schreibt weiter: "Man wird nie müde, in den dichten Wäldern herumzustöbern, die alle diese hohen Neckarberge bis an ihre Gipfel umkleiden." Die Sicht vom Hotel aus: "Hinaus auf die weite Rheinebene, die sich sanft und in satten Farbtönen hin dehnt, allmählich und traumhaft verschwimmt und schließlich unmerklich mit dem fernen Horizont verschmilzt."

Frankfurt wird von Twain gerügt

Für andere Städte findet Mark Twain kaum solche lobenden Worte. Frankfurt etwa wird gerügt, seinen berühmten Sohn, den Dichterfürsten Wolfgang von Goethe, nicht angemessen zu feiern. Mark Twain beklagt im Jahre 1878 angesichts des Goethehauses: "Die Stadt lässt es zu, dass dieses Haus Privatleuten gehört, statt sich selbst mit der Würde zu schmücken und auszuzeichnen, es zu besitzen und zu pflegen."

Ein Erfolgsautor, zumal ein durch und durch amerikanischer, weiß, was seine Leser wünschen. Ein wenig Gänsehaut muss sein, Blut muss fließen. Entsprechend lockt Twain die rechte Neckarseite – und da die Hirschgasse. Hier schafft er es, in das älteste Mensurhaus Deutschlands eingeladen zu werden, um die Fechtkämpfe der schlagenden Verbindungen mit Klingen, die "es mit den schärfsten Rasiermessern aufnehmen" konnten, aus allernächster Nähe zu erleben. "Nach zehn Sekunden hatte jeder Mann zwölf oder fünfzehn Hiebe geführt oder abgewehrt … in der nächsten Runde bekam der Student des weißen Corps bald seitlich am Kopf eine hässliche Wunde ab und versetzte seinem Gegner eine gleiche. In der dritten Runde nahm Letzterer eine weitere schlimme Wunde am Kopf hin, und dem ersten wurde die Unterlippe gespalten" … "Ich sah gerade mit an, wie Einem die Nase aus dem Gesicht gehauen wurde. Der Doktor hatte ungefähr eine Stunde zu flicken – dies sagt genug." Twain hätte es wohl nie zugegeben, dass pure Sensationslust ihn zu den Duellen trieb. Diese Recherchen erfolgten "im Interesse der Wissenschaft", verkündet er.

Lyrisches Geflunker auf dem Neckar

Man darf nicht alles glauben, was Mark Twain in seinem "Bummel durch Europa" berichtet. Dass es für die "stöhnenden und schnaufenden" Dampfschiffe auf dem Neckar eine besondere Antriebsart gab, stimmt. Der Dampfer "fuhr nicht mit Radschaufeln oder Schraube flussaufwärts, er schob sich dadurch hinauf, dass er sich an einer großen Kette vorwärts zog. Diese Kette ist im Flussbett verlegt … sie ist 70 Meilen lang." Dass aber Flößer auf dem Fluss unterwegs waren und Twain auf der Reise von Heilbronn zurück nach Heidelberg in extrem gefährliche Stürme geriet, ist reine Dichtung. Twain, der solch ein Floß gechartert haben will, weil dessen Kapitän sonst keine Passagiere mitnehmen durfte, trägt dick auf. Er schickt das erfundene Floß in ein ebenso erdichtetes Unwetter: "Der Kapitän sagte, seit vierzig Jahren sei er auf dem Neckar Seemann und habe in dieser Zeit Stürme erlebt, die die Wangen erbleichen und den Puls stocken lassen konnten, aber noch nie, niemals habe er einen Sturm erlebt, der an diesen auch nur entfernt heranreichte." Reines Seemannsgarn.

Auch Sagen dürfen nicht fehlen

Mark Twain ergänzt seine Berichte mit der Nacherzählung von Sagen, und er bestätigt Vorurteile: Die Aufführung von König Lear im Mannheimer Nationaltheater fand er langweilig: "Vier Stunden saßen wir auf unseren Plätzen und verstanden überhaupt nichts außer Donner und Blitz, und selbst das hatte man umgekehrt, um sie der deutschen Vorstellung anzupassen. Denn der Donner kam zuerst und der Blitz danach." Staunend registriert Twain, dass das Publikum hier wartet, bis am Ende des Stücks Ruhe herrscht, bevor geklatscht wird, während Amerikaner doch schon während der Schlussszenen mit dem Applaus beginnen.

Gelangweilt in Baden-Baden

Weil auch Baden-Baden unter betuchten Amerikanern sehr bekannt ist, besucht Mark Twain ebenfalls diese Stadt. "Drei Mal am Tag spielt vor dem Kurhaus eine gute Musikkapelle und nachmittags und abends wimmelt dieser Ort von elegant gekleideten Leuten beiderlei Geschlechts, die an dem großen Musikpodium vorbei auf und ab wandeln und sehr gelangweilt aussehen, obwohl sie so tun, als wären sie es nicht." Groß beeindruckt von diesem Kurort ist der Amerikaner nicht.

Er erlebt Baden-Baden vor knapp eineinhalb Jahrhunderten als "ein fades Städtchen. Überall trifft man auf leeren Schein, Betrug und Aufgeblasenheit, aber die Bäder sind gut!" Twain wählt in einer Gaststätte sorgfältig einen Wein zu seinem Essen aus. Der Wirt notiert die Bestellung, sucht ein vermeintlich passendes Etikett aus, klebt es auf eine Flasche und entfernt ein anderes, das noch nass vom Klebstoff ist. Die Flasche passt nun zur Bestellung.

Baden-Baden muss auch mit einer Schauergeschichte im geplanten Buch vertreten sein. Deshalb beschäftigt sich der Huckleberry-Finn-Erfinder eingehend mit dem Schicksal einer badischen Markgräfin – "eine fromme Katholikin und vielleicht musterhafte Christin – so wie damals in den oberen Schichten die Christen beschaffen waren – die Anfang des 18. Jahrhunderts hier gelebt hatte. Sie führte ein lasterhaftes Leben und zog sich, um für ihre Orgien zu büßen, schließlich in eine wenig bekannte Höhle zurück, wo sie auch starb". Das berührt den Spötter und Geschäftsmann Twain gleichermaßen. "Vor zwei- oder dreihundert Jahren hätte man die armselige Höhle zu heiligem Boden gemacht, und die Kirche hätte hier eine Wunderfabrik aufgemacht und viel Geld herausgeholt."

Misthaufen im Schwarzwald

Von Baden-Baden aus startet der Amerikaner dann zum "üblichen Abstecher" in den Schwarzwald. Auf dieser Wanderung fallen ihm die vielen Kruzifixe entlang des Weges auf. Sie "sind … fast so häufig wie anderswo die Telegrafenmasten". Eine eingehende Beschreibung der Schwarzwaldhöfe erspart sich Mark Twain. So viel muss reichen: Das charakteristische Merkmal dieser Häuser ist für ihn der große Misthaufen davor. "Der Mist ist offensichtlich der größte Reichtum des Schwarzwälders – seine Währung, sein Schatz, sein Stolz…" Twain urteilt danach, welcher Hof von einem "armen Teufel" bewohnt wird, und wo es dank "alpenähnlicher Dungpracht" nach Reichtum wie bei einem Herzog riecht.

Nach dem Baden-Baden-Ausflug geht es für Twain und seine Familie weiter in die Schweiz und schließlich bis nach Rom. Doch nirgendwo findet er so viel Erzählenswertes wie im deutschen Südwesten. Nicht nur, dass er sich für alle Sagengestalten hier interessiert, er liefert auch Verwendungshinweise für das große Fass im Heidelberger Schloss und stellt einen Aufsatz zum Schloss samt weiterer Heidelbergnotizen (etwa zum Universitätskarzer) in den Anhang des Bummels durch Europa.

Deutsch verwirrt ihn

Sein Ziel, "die schreckliche deutsche Sprache" zu erlernen, verwirklicht Mark Twain nicht. Deutsch verwirrt ihn. "Ein Baum ist männlich, seine Knospen sind weiblich, seine Blätter sachlich, Pferde sind geschlechtslos, Katzen sind weiblich – natürlich einschließlich der Kater. Im Deutschen hat ein Fräulein kein Geschlecht, während eine Rübe eines hat." Das sei eine "dickfellige Respektlosigkeit dem Fräulein und eine übertriebene Verehrung der Rübe gegenüber", urteilt der Reisende aus der Neuen Welt. Das Ziel, seine Finanzen zu stabilisieren, erreichte der Dichter dank neuer Bücher. Die Recherchereise zu den merkwürdigen Europäern hat sich für ihn also ausgezahlt.
Mark Twain: "Bummel durch Europa" (Originaltitel: A Tramp Abroad"), Anaconda Verlag, ist für 7,95 Euro lieferbar und auch als Hörbuch und in der amerikanischen Originalversion (mit einem Heidelberg-Cover) erhältlich.