Gefährliche Abwege

Schwarzwälder Bergwacht muss auch ohne Skifahrer oft ausrücken

Verena Wehrle

Von Verena Wehrle

Mo, 11. Januar 2021 um 14:23 Uhr

Südwest

"Wir Naturschützer am Feldberg haben dieses Jahr ä bissl Schiss": Die Lifte sind zu, trotzdem gibt es viele Besucher im Schwarzwald. Immer mehr Menschen bewegen sich abseits der Wege.

"Wir Naturschützer am Feldberg haben dieses Jahr ä bissl Schiss", sagt Feldbergranger Achim Laber zu Beginn eines jüngst veröffentlichen Video-Appells. Und meint damit: Immer mehr Menschen bewegen sich im Corona-Jahr abseits der Wege. Und damit in den Ruhezonen der Tiere. Auch Adrian Probst, Landesvorsitzender der Bergwacht Schwarzwald, appelliert an die Bevölkerung, auf den markierten Wegen zu bleiben – vor allem zur eigenen Sicherheit.

"Ich wage mal zu behaupten, dass wir in den letzten Tagen am Feldberg-Gipfel fast die zehnfache Menge an Leuten hatten als in den Weihnachtsferien zuvor", sagt Feldbergranger Achim Laber. "Je mehr Leute da sind, desto mehr von ihnen treffen wir natürlich auch im Wald abseits der Wege", sagt der Ranger, der die geltenden Regeln im Naturschutzgebiet Feldberg mit seinem Team kontrolliert und Verstöße beanstandet.

"Auf den Freiflächen, darf man ja auch querfeldeinlaufen, wenn ausreichend Schnee liegt – das ist gut und das ist wichtig" Achim Laber
"Auf den Freiflächen, darf man ja auch querfeldeinlaufen, wenn ausreichend Schnee liegt – das ist gut und das ist wichtig", sagt Laber. "Die Leute sollen raus an die frische Luft", so Laber weiter. "Im Wald ist das Wegegebot aber sehr wichtig, weil es tatsächlich ein vielfaches mehr Besucher im Naturschutzgebiet Feldberg hat", betont er. Immer mehr Menschen betreten damit die Ruhezonen der Tiere. Welche Folgen kann dies haben? "Insbesondere bei großen Neuschneemengen, wie wir sie momentan haben, fällt den Tieren das Flüchten sehr schwer, da sie tief im Schnee versinken", erklärt der Feldbergranger. "Sie brauchen sehr viel Energie, was bis zum Tode führen kann", erklärt er. Insbesondere bei den geschützten Arten sei dies ein großes Problem.

Davon betroffen sind alle wild lebenden Tiere. "Die Auerhühner machen uns aber besonders Kummer, da sie in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen sind", sagt der Ranger. Das Team des Naturschutzzentrums im Haus der Natur auf dem Feldberg ist aktuell viel unterwegs: Sowohl präventiv, indem sie Faltblätter mit den Wildruhezonen verteilen, als auch, um Verstöße gegen die Naturschutzgebietsverordnung zu ahnden. Beim Verlassen der Wege folgt laut Achim Laber eine Strafe in Höhe von 200 Euro. "Daher sollte man sich aus eigenem Interesse über die Wildruhezonen im Vorfeld informieren", macht der Feldbergranger deutlich.

Eine bunte Palette an Einsätzen

Naturschutz ist auch der Bergwacht ein Anliegen, sagt Adrian Probst, Landesvorsitzender der Bergwacht Schwarzwald. Aber vor allem aus Gründen der Sicherheit für die Wintersportler appelliert er, die markierten Wege nicht zu verlassen. Die Bergwacht finde es gut, wenn die Menschen draußen unterwegs seien. Für solche Ski- und Wandertouren gibt der Berg-Profi aber einige Tipps zur eigenen Sicherheit. Aktuell sei in den Höhenlagen des Schwarzwaldes – ganz gleich, ob im Norden oder Süden – so viel los wie im normalen Winter auch. Trotz der gesperrten Liftanlagen. Die Bergwacht habe es zwar deutlich ruhiger, dafür seien die Einsätze in diesem Winter umso aufwendiger, erklärt Adrian Probst. Allein an einem Wochenende habe es "eine bunte Palette an Einsätzen" gegeben. So mussten Personen gerettet werden, die aufgrund der Kälte das Bewusstsein verloren hätten, es gab Schlittenunfälle oder Frakturen bei Langläufern.
Die aktuelle Situation

Aktuell sind die Skilifte im Schwarzwald geschlossen, die Pisten nicht präpariert. Dennoch sind viele mit Skiern unterwegs. "Das Skifahren wird dort erst dann zum Problem, wenn man es nicht kann", sagt Adrian Probst, der auch Leiter des Liftverbunds Feldberg ist. Die Pisten seien nicht abgesperrt. Denn: "Das hilft gar nichts", so der Landesvorsitzende der Bergwacht Schwarzwald. "Es ist eben der Reiz des Schwarzwalds, sich in der freien Natur und in dieser Weite zu bewegen." Wenn man dazu nicht in der Lage sei, solle man im flachen Gelände bleiben, rät der Experte. Der Trend zum Tourenski werde auch unabhängig von der Corona-Pandemie immer stärker. Dabei läuft man mit Tourenski hoch auf den Berg, oben angekommen schnallt man sie an und fährt dann den Abhang hinunter.

Warum die Verletzungen häufiger und die Einsätze aufwendiger werden, erklärt Probst: "Das liegt vor allem an dem veränderten Publikum, das sich nun winterunerfahren in den Schnee traut und zum ersten Mal Wintersport ausprobiert", so Probst. Der Handel habe in diesem Winter 100 Prozent mehr Langlaufskier verkauft als im Vorjahr. So seien Leute teilweise zum ersten Mal in ihrem Leben mit Langlaufskiern im Hotzenwald unterwegs. Probst warnt vor dem Trugschluss, dass man sich mit einer teuren Ausrüstung die Sicherheit gleich mit gekauft habe. "Viele überschätzen sich selbst, eine gute Ausrüstung allein hilft nicht", sagt Adrian Probst. "Unsere Befürchtung ist, dass wir mehr Personal brauchen werden."

Auf den Skipisten müssten bei einem Einsatz zwei bis drei Leute ausrücken, bei einem Langläufer im Wald wären gleich fünf Helfer erforderlich, so Probst. Außerdem müsste die Bergwacht nun schneller an verschiedenen Orten sein und brauche mehr Leute. Auf der anderen Seite müssten die Einsatzkräfte die Corona-Regeln einhalten. Feste Mannschaften mit fünf bis zehn Personen müssten über den gesamten Winter zusammenbleiben und dürften nicht durchmischt werden. Das mache es organisatorisch schwierig.



Auch auf den markierten Schneeschuhtrails und Winterwanderwegen, die oft abseits der üblichen Wege sind, gibt es ein erhöhtes Risiko. Die Bergwacht appelliert an die Bevölkerung, lawinengefährliche Bereiche zu meiden. Dies seien zum Beispiel die Wächte am Herzogenhorn oder die Nordwand des Belchen. Man solle die markierten Wege und Routen nicht verlassen. Dass dies immer wieder ignoriert werde, sehe die Bergwacht deutlich, so Probst. So habe es schon einige Einsätze in diesem bisher kurzen Winter gegeben, bei denen Menschen abseits der markierten Wege gerettet werden mussten.

"Man verläuft sich im Schwarzwald sehr schnell und plötzlich ist alles weiß und Wald" Adrian Probst
Neben der Lawinengefahr können Wintersportler auch die Orientierung verlieren. "Man verläuft sich im Schwarzwald sehr schnell und plötzlich ist alles weiß und Wald", sagt Adrian Probst. Jeder sollte sich über die lawinengefährlichen Bereiche informieren, bevor er sich auf den Weg macht. "Die Vorbereitung ist das A und O", so Probst. So sollten Wanderer ein aufgeladenes Handy mitnehmen, jemandem aufschreiben, wo man genau hingeht, genügend Trinken und Essen mitnehmen und das eigene Können richtig einschätzen. "Das klingt alles sehr logisch, wird aber oftmals vernachlässigt", macht der Bergwacht-Landesvorsitzende deutlich.

Für diesen Corona-Winter hat sich die Bergwacht eine neue Strategie ausgedacht. Die Wachen sind trotz geschlossener Liftanlagen besetzt – so als wäre es ein ganz normaler Winter. Zusätzlich gibt es Schnelleinsatzgruppen. Neu ist, dass in jedem Landkreis ein Einsatzleiter im Dienst mit einem technisch gut ausgestatteten Einsatzfahrzeug unterwegs ist. Von dort aus koordiniert er die Einsätze, ortet Handys und ruft Verletzte an, um sich genauer über ihre Situation zu erkundigen. Auch setze die Bergwacht in diesem Winter verstärkt auf Hubschrauber, weil sie schneller an verschiedenen Orten sein muss. Außerdem wurde die Zusammenarbeit mit der Polizei inzwischen verstärkt.