Auschwitz-Sonderkommando

"In meinen Augen sind es die zentralen Dokumente des Holocaust"

Anja Bochtler, Thomas Steiner

Von Anja Bochtler & Thomas Steiner

So, 26. Januar 2020 um 19:25 Uhr

Deutschland

BZ-Plus Im KZ Auschwitz wurden jüdische Männer als sogenanntes Sonderkommando gezwungen, andere Juden in die Gaskammern zu treiben. Der Wissenschaftler Pavel Polian hat Briefe von ihnen an die Nachwelt veröffentlicht. Der Titel seines Buches spricht für sich: "Briefe aus der Hölle."

Keiner ist dem Grauen näher gekommen als sie. Als im Konzentrationslager Auschwitz von 1942 bis 1945 fast eine Million Menschen, vor allem jüdischer Herkunft, von den Deutschen ermordet wurden, standen die Männer des "Sonderkommandos" an den Gaskammern. Sie waren selbst Juden, nur wenige von ihnen haben das Lager überlebt. Einige aber vergruben Berichte über das Geschehen in der Asche der Toten. Der Historiker Pavel Polian hat ihre Texte jetzt in einem Buch versammelt.
BZ: Herr Polian, wie sind Sie auf die Schriftstücke gestoßen, welche die Angehörigen des Sonderkommandos im KZ Auschwitz hinterlassen haben?
Polian: Im Archiv des Zentralen Wehrmedizinischen Museums in Sankt Petersburg sind nach dem Zweiten Weltkrieg alle von den Russen erbeuteten Akten aus den KZs und anderen Lagern gelandet. Man zählte sie irgendwie zu den medizinisch-humanitären Aspekten des Krieges. Auch das Manuskript von Salmen Gradowski gehörte dazu. 2004 war ich zum ersten Mal in diesem Archiv, wegen meiner Forschungen über sowjetische Kriegsgefangene. Es hat zwei, drei Jahre gedauert, bis ich die Erlaubnis bekam, dort zu arbeiten. Ziemlich bald bin ich dann in der Archivkartei auf dieses Dokument gestoßen. Erst war unklar, um was genau es sich handelt. Erst als ich es vor mir hatte, begriff ich, worauf ich gestoßen war.
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BZ: Die Manuskripte von Gradowski sind die ausführlichsten der acht erhaltenen. Er hat auf Jiddisch geschrieben, konnten Sie das lesen?
Polian: Nein, aber eine Übersetzung seines Begleitbriefes lag bei, deshalb war mir klar, worum es geht. Das war der Anfang meiner Beschäftigung mit dem Thema. Ich bekam dann sehr gute Scans der Tagebuch-Seiten und konnte eine Expertin mit der Übertragung ins Russische beauftragen: meine Nichte, die eine hervorragende Übersetzerin aus dem Jiddischen ist. Sie hat dann zwei, drei Jahre gebraucht. Es war nicht nur sprachlich, sondern auch mental schwierig für sie. "Leichen, Leichen, Leichen", hat sie mir einmal in einer Mail geschrieben. Schritt für Schritt kam ich dann auf die anderen Dokumente. Die meisten liegen heute im Museum in Auschwitz-Birkenau, ...

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