Syrien

Die entehrten Kinder des Krieges

Kristin Oeing

Von Kristin Oeing

Mi, 30. Dezember 2015 um 14:15 Uhr

Ausland

Erst verloren sie ihre Heimat, dann ihre Hoffnung. Männer nutzen die Notlage syrischer Flüchtlingsfamilien aus und holen sich deren jungen Töchter.

Wären Tränen aus Gold, gäbe es Möbel in dieser Wohnung, einen Kühlschrank, Spielzeug für die Kinder, Wände, die nicht von Schimmel zerfressen sind. Dann müsste niemand auf versifften Matratzen schlafen, in die schon viele Flüchtlinge ihr Leid geweint haben. Dann gäbe es Hoffnung. Doch auf ein Wunder wartet die syrische Flüchtlingsfamilie Abd-Almajeed* in Zarqa, einer Industriestadt hundert Kilometer nordöstlich der jordanischen Hauptstadt Amman, vergeblich.

Die Tränen der Tochter erzählen von einem gestohlenen Leben, genommen von einem Krieg, der in einer Januarnacht plötzlich vor ihrer Haustür explodierte. Der sie im kalten Regen zur Flucht trieb, nur mit dem, was sie am Leib trug, bis sie, ihre Eltern und die sieben Geschwister in einem Land ankamen, das ihnen fremd ist, in dem sie nicht arbeiten dürfen, in dem sie auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Angewiesen sind sie auf Lebensmittelmarken, die nicht zum Leben reichen, auf Vermieter, die mit der Not der Flüchtlinge Geschäfte machen. Das Mädchen vertraute auf den Schutz ihrer Familie, doch die schützte sie nicht.

Die Eltern wollten Sicherheit für ihre Tochter
Die Tränen der Mutter erzählen von einer Entscheidung, die nicht mehr zurückgenommen werden kann, so sehr die Mutter es sich auch wünscht. Von einer Hochzeit, die der Familie helfen sollte, allen voran der Tochter. Sie sollte ein besseres Leben haben, die Chance auf einen Neuanfang. Dass sie noch ein Kind war, was zählt das schon in Zeiten des Krieges. Der Vater, schwer krank und taubstumm, die Mutter, die morgens, wenn es noch dunkel ist, das Haus verlässt und illegal in einem Laden arbeitet. Das Geld reicht nicht, reichte nie, seitdem sie ihr Haus und ihren Gemischtwarenladen im syrischen Daraa verlassen mussten. Die Eltern wollten Sicherheit für ihre Tochter. Doch die fand sie nicht.

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