Dreiste Lügen, kaum Hoffnung

Angela Köhler

Von Angela Köhler

Fr, 07. März 2014

Ausland

Drei Jahre nach der Katastrophe von Fukushima leben 300 000 Japaner in elenden Notquartieren, permanenter Unsicherheit und mit wenig Aussicht auf eine Rückkehr  .

Bis jetzt haben sie stets zusammengehalten, sich immer wieder irgendwie arrangiert. Auf engstem Raum, unter primitiven Bedingungen. Haben versucht, Streit, Stress, Verzweiflung nicht heraushängen zu lassen. Bis jetzt lebte Kiyokazu Watanabe mit seiner Frau, der Mutter, dem Sohn und dessen Familie erstaunlich konfliktfrei in einem miserablen Notquartier nahe der Heimatstadt Tamura. Der Clan hielt sich an die verabredete Ordnung, wer wann das winzige Bad benutzt, wer in der Miniküche Mahlzeiten zubereitet, wer die Schlaffutons zusammenrollt.
Jetzt aber ist der fragile Hausfrieden geplatzt. Plötzlich streiten die Alten und die Jungen über Politik, Heimweh, Lügen und Misstrauen. Dabei könnte der Anlass erfreulich sein. Kurz vor dem dritten Jahrestag der Megakatastrophe mit Erdbeben, Tsunami und Reaktorunglück am 11. März 2011 kündigte Japans Regierung an, einen kleinen Teil des nuklearen Sperrgebiets um das havarierte Akw von Fukushima wieder zum Bewohnen freizugeben. Wenn das nicht nur Propaganda zum Gedenktag ist, könnte die Familie Watanabe Anfang April in das große Holzhaus mit Gärtchen, in dem die drei Generationen eigene Zimmer bewohnten, zurückkehren. Aber es ist Zwietracht eingezogen. Der 66-jährige Kiyokazu Watanabe ist begeistert, Frau und Mutter auch. Sie wollen ihr Dasein als "Atomflüchtlinge", wie man sie in Japan nennt, endlich beenden. "Nichts ist schöner, als endlich wieder nach Hause zu dürfen." Dabei stört es ihn wenig, dass er künftig wieder Blickkontakt zur rund 20 Kilometer entfernten Atomruine hat und mit einem Dosimeter zur Messung der Strahlenbelastung ausgestattet wird.
Der Sohn aber reagiert entsetzt. Er will unter keinen Umständen ...

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