In der Zwickmühle der Wilden Weiden

Christiane Franz

Von Christiane Franz

Sa, 12. Oktober 2019

Bahlingen

Bahlingen winkt viel Geld, den Landwirten droht Flächenverlust.

BAHLINGEN. Die Situation ist vertrackt, da sind sich Bürgermeister Harald Lotis und die Gemeinderäte einig. Entscheidet sich das Gremium für die von der Unteren Naturschutzbehörde empfohlene Umnutzung der landwirtschaftlichen Gemeindefläche in eine extensive Viehhaltung, winken der Gemeinde knapp vier Millionen Euro Einnahmen. Bahlingens Landwirten droht dadurch ein großer Flächenverlust. Am Donnerstagabend hatte die Gemeinde zur Infoveranstaltung und Diskussion in die Pausenhalle der Schule eingeladen.

Man habe sich im Gremium für einen transparenten und offenen Umgang mit dem Thema ausgesprochen, sagte Bürgermeister Harald Lotis eingangs. Die öffentliche Informationsveranstaltung diene ebenso wie der Besuch der Wilden Weiden in Kappel-Grafenhausen der Meinungsfindung des Gremiums, schickte Lotis voraus. Emotional wurde die Diskussion im Anschluss an die Präsentation des Bürgermeisters geführt, doch sorgten immer wieder besonnene Stellungnahmen der Bürger sowie die Reaktion des Bürgermeisters für einen fruchtbaren Austausch.

Der Vorschlag der Wilden Weiden
Die Untere Naturschutzbehörde ist auf die Gemeinde zugekommen, da sie im Bereich Berschig/Stauden/Dreispitz optimale Bedingungen für das Projekt Wilde Weiden sehe. Mit der Ansiedlung von etwa 15 bis 20 Rindern, die von einem örtlichen Landwirt versorgt werden, könnte die Gemeinde ungleich viele Ökopunkte zum Ausgleich von Baumaßnahmen erhalten. Durch die Umnutzung der Fläche soll eine ökologische Aufwertung der Flora und Fauna erreicht werden, die in der Region ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal hat.

Das rief die Stadt Freiburg auf den Plan, die der Gemeinde diese Ökopunkte abkaufen würde. Und zwar um einen 20 Prozent höheren Betrag als der allgemein übliche eine Euro pro Ökopunkt. Die Gemeinde könnte laut der vorgestellten Rechnung Einnahmen von 4,64 Millionen Euro erzielen. Mittel, die der Gemeinde unabhängig von Umlagen in den Jahren 2020 und 2021 zur Verfügung stünden. Die Ausgaben bezifferte Lotis auf rund 859 000 Euro. Die Zahlen basieren auf einer Laufzeit des Projekts Wilde Weiden über 30 Jahre.

Der Flächenbedarf
Nach anfangs drei Varianten aktualisierte die Gemeinde das Projekt auf rund 54 Hektar umzäuntes Gebiet. Es wäre damit kleiner als ursprünglich von der Behörde empfohlen. Davon gelten 44 Hektar als beweidete und artenschutzrechtlich relevante Fläche, was 3,96 Millionen Ökopunkten entspricht.

Deutlich machte Lotis die Bemühungen, den betroffenen Landwirten zumindest teilweise eine Tauschfläche in vertretbarer Nähe anzubieten. Dennoch bedeutet es für manchen hauptberuflichen Landwirt einen Verlust von knapp vier Hektar. Dieser wird jedoch nicht als existenzgefährdend eingeschätzt.

Pächter, die die gemeindeeigenen Flächen unerlaubt unterverpachtet haben, verlieren diese. Da die Pachtverträge im nächsten Monat ablaufen und neu abgeschlossen werden, wird die Entscheidung des Gremiums in einer öffentlichen Sitzung zeitnah fallen. "Wir müssen diese Flächen im Sinne aller Bürger mit höchstem Nutzen weiterverpachten. Deshalb sind wir es den Bürgern schuldig, offen darüber zu diskutieren", schloss Lotis seine Ausführungen.

Der Widerstand der Landwirte
Stellvertretend für alle Landwirte ergriff Siegfried Brenn das Wort. Er hielt die Überlegungen prinzipiell für gut, betonte aber, dass sie nicht auf Kosten der Landwirtschaft gehen dürfen. Die als Beispiel besuchten Wilden Weiden in Kappel-Grafenhausen dürften nicht als Vergleich herangezogen werden, da es sich dort um wertlose Grünfläche und Waldgebiet handle. In Bahlingen dagegen sei in dem projektierten Gebiet Ackerland und Grünfläche, die zum Heuen verwendet wird und einen hohen Wert darstellt. In den Wiesen herrsche Leben pur und damit eine Artenvielfalt, die man beim Heuen gut beobachten könne, sagte der Landwirt. Außerdem sieht Brenn die Bewirtschaftung nicht als intensiv an. Und auch die Landwirte würden in Form des Mists eine ökologische Düngung in mehrfacher Menge ausbringen.

"Die Landwirte benötigen die Fläche", stellte Brenn klar und führt als Beispiel den Rinder haltenden Landwirt im Ort an, der seinen Stall nicht voll besetzen könne, da ihm das dazu notwendige Futter fehle. Brenn bezeichnete den Flächenverlust vor allem auch in der Gänze der Entwicklung der letzten Jahre als existenzgefährdend für die Landwirte.

Die Diskussion
Harald Lotis verwies nach Brenns Ausführungen darauf, dass die Gemeinde bemüht sei, Ausgleich zu schaffen und stellte weitere Möglichkeiten in Aussicht. Mit jedem der betroffenen Landwirte werde das Gespräch gesucht, kündigte Lotis an und gab zu bedenken: "Es bleibt eine landwirtschaftlich genutzte Fläche!"

Zu Wort meldeten sich einige der betroffenen Landwirte, die den Verlust einer Tradition der Bewirtschaftung seit Gründung des Dorfes beklagen und auf die zunehmende Verringerung der zu bewirtschafteten Fläche hinwiesen. Dadurch werde die Pacht in den nächsten Jahren erheblich steigen und ein wirtschaftliches Arbeiten immer schwieriger. "Wir sollten die Landwirte nicht völlig aus den Augen verlieren", mahnte Ralf Sommer. Auch Pferdehalter aus dem Ort machten ihrem Ärger Luft: Sie würden die seit Jahren genutzten Flächen ohne Ausgleich verlieren.