Mutige Monumentalität

Nikolaus Cybinski

Von Nikolaus Cybinski

So, 17. Februar 2019

Basel

Der Sonntag Kunsthalle Basel zeigt Mammalian Fantasies und Wong Pings Golden Shower.

Im hundertjährigen Bauhausjubliäum werden wir wieder daran erinnert, dass formale Gestaltung eine Folge klarer gedanklicher Vorstellungen zu sein habe. Vorausgesetzt, die Funktion, der die Form folgt, ist das Resultat genau berechneter Rationalität, die wiederum keine ornamentalen "Abirrungen" duldet, um die errungene Sachlichkeit nicht zu beschädigen.

Doch das ästhetische Diktat des Bauhauses war elitär und stieß von Beginn an auf Widersprüche, um das lebend zu erhalten, was das Leben bereichert: das Unsachliche, das Verspielte, auch das Groteske, eben das Ornament.

Einer dieser Widersprüche ist noch bis zum 4. April im Oberlichtsaal der Basler Kunsthalle zu erleben, wo Daniel Dewar und Gregory Gicquel unter dem Titel "Mammalien Fantasies" ihre in den vergangenen Jahren entstandenen "Säugetiere" aus massivem Holz zeigen. Man betritt den Saal – und staunt. Ist das heute ernsthaft noch machbar?

Es ist! Man betrachte die massive Kommode mit dem darauf liegenden Hasen und den Armen als Griffen auf den beiden Schubladen. Oder den dreiteiligen großen Schrank von gut zwei Metern Länge und drei Metern Höhe, aus dessen Türen und Seitenwänden ein Wulst von Gedärmen quillt, als hätten ihre Unterleibe die gerade ausgestoßen. Und dann die Schneckenhäuser, die auf den Lehnen und Beinen der Ruhebänke sitzen, was haben die da zu suchen? Wie kamen sie dahin? Schließlich die Kommode, die ein Hybrid aus sachlicher Konstruktion und zwei bedrohlich anzusehenden halbierten Stiertorsi ist.

Staunen. Ratlose Blicke. Schulterzucken. Der Besucher wird mit seinen Fragen, so er sie hat, allein gelassen. Die Ausstellung informiert ihn mit keinem Wort. Kein Titel, wie sonst üblich, gibt einen Hinweis, der ihm helfen könnte, das gedanklich einzuordnen, was er sieht.

Und dieses museumsdidaktische Schweigen ist Absicht: Denn was er sieht, ist das noch namenlose Andere, nämlich Dinge, die es real nicht gibt, wohl aber in den Fantasien Dewars/ Gicquels. Am ehesten kann der Besucher gedanklich etwas zuordnen in den drei Versionen des wie in einem Sarkophag liegenden Mannes, weil sie ihn an Hans Holbeins "Der tote Christus im Grabe" im nahen Kunstmuseum erinnern. Doch er fragt sich: Ist das hier ein provozierender Witz oder vielleicht sogar ein als bösartig zu deutendes Sakrileg, weil einmal ein trächtiges Schwein und das andere Mal ein riesiger Fisch über dem Ruhenden liegen? Und warum gibt es am Kopf oder Fuß dieser Grablegung je eine Kammer, in der eine Muschel eingeschlossen ist?

Nach einer Stunde in dieser Ausstellung geht man mit der Vermutung nach unten, Dewar/Gicquel machen sich einen Spaß(?) daraus, uns aus unserem Erklärungszwang herauszuholen und Fragen zu stellen, auf die es keine Antworten gibt. Nun seht zu, wie ihr damit zu Streich kommt. Nur eines ist fraglos klar: Ihre "Säugetiere" sind nicht konstruiert, sondern aus massivem Holz (oft Eiche) herausgearbeitet, und das verrät Dewar/ Gicquels professionell handwerkliches wie auch künstlerisches Können.

Kaum aushaltbare kaleidoskopartige Hektik

Total andere Seheindrücke im Erdgeschoss, wo der junge Chinese aus Hongkong Wong Ping seine Videos zeigt, die als "Golden Shower" über den Besucher kommen. Wong Ping, 1984 geboren, ist der ersehnte Newcomer der Kunstwelt, die gerade dabei ist, aus ihm den Goldjungen à la Jean-Michel Basquiat zu machen. Biografische Daten als Hilfsmittel: Ärmliches Elternhaus, kein regulärer Schulabschluss, Versuch, in Australien Fuß zu fassen, dort ein Multimedia-Studium gemacht. Zurück nach Hongkong, durchgeschlagen mit Hilfsjobs. Angeödet von alldem. Kurzgeschichten auf einem Blog in die Welt gesetzt, diese in Animationsfilme verwandelt und auf die Videoplattform Vimeo hochgeladen. Interessenten melden sich, darunter das Guggenheim Museum. Vom unerwarteten Erfolg überrascht, hat er die Chuzpe, sich als tumber Outsider zu präsentieren, der von Kunst und Kunstwelt keine Ahnung hat. Die heißt ihn willkommen, und wer Lust hat, Pings "Golden Shower" über sich ergehen zu lassen, der besuche die Ausstellung in der Kunsthalle. Und wird je nach Erwartung enttäuscht oder begeistert sein.

Pings Botschaften in "Dear, can I give you a hand?", "Jungle of Desire" und "Wong Ping’s Fables" als HD-Filme in Farbe (auf Kantonesisch mit Untertiteln) sind in zweifacher Hinsicht der visuelle Irrsinn. Zum einen rasen die Untertitel so schnell vorbei, dass meist keine Zeit bleibt, sie vollständig zu lesen, zum anderen erscheinen die Bilder nur als Augenblicke und provozieren eine kaleidoskopartige Hektik, die kaum auszuhalten ist. Nur eines wird klar: Bunt sind sie! Aberwitzig bunt und grotesk-komisch. Und für kurze Dauer höchst unterhaltsam.
Mammalian Fantasies bis 14. April.

Golden Shower, bis 5. Mai. Kunsthalle Basel, Steinenberg 7, Dienstag, Mittwoch und Freitag 11 bis 18 Uhr, Donnerstag 11 bis 20.30 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 17 Uhr.