Bei den "Brüdern" gibt eine Frau den Ton vor

Julius Müller-Meiningen

Von Julius Müller-Meiningen

Do, 15. Oktober 2020

Ausland

IM PROFIL:Giorgia Meloni macht mit ihrer jungen Partei Lega-Chef Matteo Salvini im rechten Spektrum Italiens Konkurrenz.

Die Geschwindigkeit, mit der italienische Wähler ihre Gunst verteilen, ist atemberaubend. Es ist noch nicht allzu lange her, dass der inzwischen 84 Jahre alte Silvio Berlusconi die Geschicke des Landes als Ministerpräsident prägte. Auf ihn folgten der konservative Sozialdemokrat Matteo Renzi und die empörte Fünf-Sterne-Bewegung, die in der politischen Elite eine korrupte Kaste erkannte – inzwischen kämpfen die Fünf Sterne ums Überleben. Einen Sommer lang machte sich Matteo Salvini, Chef der rechten Lega und Innenminister, Hoffnung auf "die ganze Macht" in Italien. Aber auch die Lega büßt seit einem Jahr stark an Konsens ein.

Mittlerweile erstrahlt ein neuer Stern am Himmel der römischen Politik. Es ist der von Giorgia Meloni, 43 Jahre alt. Die einzige Frau, die in Italien eine sichtbar im Parlament vertretene Partei führt. "Fratelli d’Italia" (FdI) ist der Name ihrer Bewegung, der der ersten Strophe der italienischen Nationalhymne entliehen ist. Die "Brüder Italiens" sind eine nationalkonservative Partei, die sich thematisch kaum von der Lega unterscheidet, dieser aber zunehmend die Führung im konservativen Lager streitig macht. Während die Lega von zwischenzeitlich 34 Prozent in Umfragen auf 25 Prozent abgesunken ist, gewinnt die Meloni-Partei seit Jahren stetig hinzu. 2014 war FdI noch eine kaum relevante Splitterpartei, inzwischen sind die Brüder Italiens hinter der Lega und den Sozialdemokraten mit rund 16 Prozent Stimmenanteil die drittstärkste Kraft im Land und haben die Fünf Sterne verdrängt.

Politischen Beobachtern zufolge ist dieser Aufstieg vor allem auf Giorgia Meloni zurückzuführen. "Meloni spaltet die Wähler weniger, sie ist auch als Frau vertrauenserweckender, hat ein institutionelles Profil", sagt der Politologe Giovanni Orsina. Ende September wurde Meloni zur Präsidentin der Partei Europäische Konservative und Reformer (EKR) gewählt, einem Zusammenschluss europäischer Rechtsaußenparteien. Der Corriere della Sera aus Mailand beobachtet: Meloni sei die italienische Politikerin, die auch von den europäischen Regierungszentralen am meisten beobachtet und studiert werde "als Gesprächspartnerin im Hinblick auf einen Wahlsieg des konservativen Lagers" bei Wahlen in Italien.

Manche trauen der gebürtigen Römerin sogar eines Tages den Job als Premierministerin zu. Melonis Positionen sind klar definiert. Illegale Einwanderung und Homosexuellen-Rechte sind für sie inakzeptabel. Ihr Slogan "Italiener zuerst" steht in seiner Vehemenz dem Populismus Salvinis kaum nach. Sie ist eine Verfechterin eines extrem traditionellen Familienbildes, sie selbst lebt mit ihrem Lebensgefährten – einem Nachrichtensprecher im Mediaset-Konzern Berlusconis – und der gemeinsamen Tochter unverheiratet zusammen. Aufgewachsen ist Meloni im traditionell linken römischen Arbeiter-Viertel Garbatella. Als großes Trauma habe sie erlebt, dass der Vater die Familie im Stich ließ und sich auf die Kanarischen Inseln davonmachte, als sie noch ein Kind war. "Ich glaube, diese Zurückweisung schleppt man ein Leben lang mit sich herum", sagte sie einmal. Sie habe eine "innere Unsicherheit" ausgelöst.

Die gelernte Journalistin machte in den Jugend-Organisationen der italienischen Neofaschisten Karriere und wurde 2006 Parlamentsabgeordnete. Heute verkörpert sie bei vielen Wählern in Abwesenheit einer moderaten konservativen Partei die vertrauenserweckende Führungsfigur der italienischen Rechten in Abgrenzung zum Politik-Rabauken Salvini. Vor allem historisch gibt es Unterschiede zwischen den Ex-Separatisten der Lega und den Brüdern Italiens. Die erst 2014 gegründete Partei trägt die Flamme im Wappen, die schon das Logo des nach Kriegsende ins Leben gerufene neofaschistische Movimento Sociale Italiano (MSI) zierte. "Es reicht mit dieser Geschichte von Faschismus und Antifaschismus", sagte Meloni schon vor Jahren, als sie in der vierten Regierung unter Silvio Berlusconi Ministerin für Jugend und das jüngste italienische Kabinettsmitglied aller Zeiten war.

Bei der Europawahl 2019 präsentierte sie Caio Giulio Cesare Mussolini, den Enkel von Diktator Benito Mussolinis, als Kandidaten ihrer Partei vor dem Palazzo della Civiltà Italiana in Rom. Das Gebäude ist das architektonische Aushängeschild des italienischen Faschismus.