"Bei mir herrscht Traurigkeit pur"

Barbara Röderer

Von Barbara Röderer

Mo, 12. August 2019

Friesenheim

BZ-UMFRAGE unter Besuchern des letzten Motorradtreffens in Oberschopfheim.

FRIESENHEIM-OBERSCHOPFHEIM. Zum letzten Mal hat am Wochenende in Oberschopfheim das Lendersbachtreffen der Motorradfreunde Oberrhein (MFO) stattgefunden. Nach 45 Jahren ging eine Ära zu Ende. Eine Riesenstimmung herrschte, mit viel Livemusik und Benzin-Gesprächen. Tausende von Motorradfahrern und Besuchern waren gekommen. Barbara Röderer hörte sich um und fragte nach Erinnerungen und Emotionen.

Ute Ehret, 57, Niederschopfheim: "Ich stamme ja aus Norddeutschland. 1980 war ich zum ersten Mal auf dem Treffen – und seither immer. 1982 bin ich in der Region hängengeblieben. 1991 habe ich geheiratet. Mein Mann Martin ist seit vielen Jahren MFO-Vorsitzender. Wehmut? Ohja! Aber auch Erleichterung. Das Treffen hat uns das ganze Jahr über gefordert. Es ist für uns zuletzt immer anstrengender geworden."
Hansi Mayr, 63, Bad Bentheim/Niedersachsen: "Bei mir herrscht Traurigkeit pur. Irgendwie ist der Gedanke ganz fremd. Ich glaube, dass alle erst 2020 begreifen, was es heißt: Es gibt kein Treffen mehr. Ich kenne viele der MFO-Mitglieder seit 1976, weil sie in meinem Heimatort Oberau in Tirol Urlaub machten. Einer war sogar mit meiner Schwester zusammen. 2014 war ich selbst das erste Mal auf dem Treffen. Jetzt, zum Ausklang, war es Pflicht für mich, zusammen mit meiner Frau Josje, einer Holländerin, zu kommen."

Michael Jäckle, 55, Ortsvorsteher: "Ich weiß noch, wie es, als ich zehn war, im Dorf hieß, es kommen Rocker nach Oberschopfheim: ’Das kann ja nicht gut gehen.’ Doch es hat alles bestens geklappt. Heute kommt für mich etwas Wehmut auf. Mir wird das Motorradtreffen fehlen, fast 30 Treffen habe ich besucht."
Reiner "Deddel" Thomsen, 56, Nordfriesland: "Schade, schade, schade. 1982 war ich das erste Mal hier. Ich wäre gerne noch ein paar Jahre mehr hierhergekommen. Ich fahre ansonsten eine 1200er Suzuki, diesmal bin ich mit Freunden mit dem Mofa angereist – 1000 Kilometer. Wir werden 2020 wohl wieder in die Gegend kommen, vielleicht dann zum Treffen in Berghaupten. Es ist einfach schön hier."
Michael Bürstner, 61, Niederschopfheim: "Ich war bereits beim ersten Treffen 1975 mit Kollegen dabei, damals mit dem eigenen Zelt und mit Moped. Vor einem Jahr haben wir beschlossen, dies beim letzten Treffen zu wiederholen. Es war zwar mit drei Kilometern die kürzeste Anfahrt, aber der größte organisatorische Aufwand: Das Zelt musste ich mir leihen, lediglich der Schlafsack gehörte mir. Das war es mir aber wert. Ich persönlich bedauere das Ende des Motorradtreffens, meinem Heimattreffen, habe aber vollstes Verständnis für die Entscheidung der Organisatoren, die alle in meinem Alter sind."
Josef "Joe" Welle, 65, gebürtiger Oberschopfheimer, auf Cran Canaria lebend: "Ich war etwa 20, als die Gründungsversammlung 1974 im Café Olympia stattfand. Für mich ist das heutige Treffen etwas Besonders, ich treffe viele alte Gesichter. Oft kenne ich sie erst wieder auf den zweiten Blick (lacht). Das liegt sicher daran, dass mein letzter Besuch beim Motorradtreffen 40 Jahre her ist. Aus beruflichen Gründen, ich habe Jura studiert, hörte ich im Vorstand als Co-Präsident nach fünf Jahren auf. Durch die Freundschaft mit Willi Gnacke ist der Kontakt nie ganz abgerissen. Mein Motorrad, eine Suzuki GT 550, habe ich vor zehn Jahren verkauft. Ich genieße jetzt einfach den Abend mit vielen netten Gesprächen über frühere Zeiten."
Ursula Stahlberger, 62, Durmersheim, gebürtige Friesenheimerin, Gründungsmitglied: "Auch wenn ich schon mit 23 Jahren weggezogen bin, bleiben die Erinnerungen an die legendären Treffen am Waldrand. Wenn es mir möglich war, bin ich mit meinem Motorrad, heute eine FGS 800-er BMW, hingefahren. Es ist die Freiheit und die Ungezwungenheit, die ich mit diesem Treffen verbinde. Es freut mich besonders, dass ich mit Joe Welle einen der Ersten des Clubs heute wiedersehe."
Clemens Timm, 56, Ammersbek/Hamburg: "Ich war 1986 das erste Mal da. Ich hatte irgendwann mal gehört, da gebe es ein Motorradtreffen im Süden mit Tausenden Besuchern. Das haben wir nicht geglaubt und wollten es überprüfen. Es hat gestimmt. Insgesamt war ich bestimmt 20-mal hier. Diesmal bin ich mit einer Kawasaki ZX 12 R angereist, alleine, Entfernung 740 Kilometer. Dauer etwa zehn Stunden. Ich habe viele Freunde hier, etwa Hansi Mußler."
Willi Gnacke, 64, Kürzell, Gründungs-Ko-Präsident der Motorradfreunde: "Ein Stück Wehmut schwingt natürlich mit, aber auch Vernunft – wegen des Alters vieler Verantwortlicher. Für mich war das Treffen wie ein alljährliches Klassentreffen. In Oberschopfheim geht ein gutes Stück Tradition zu Ende. Mir wird was fehlen. Aber auch vielen anderen, die es mit dem Motorradfahren gar nicht so haben: Es war schließlich eines der letzten Zeltfeste."