Großrazzia

Berliner Polizei nimmt Mitglieder des Remmo-Clans fest – weitere auf der Flucht

Andreas Rabenstein

Von Andreas Rabenstein (dpa)

Di, 17. November 2020 um 20:55 Uhr

Panorama

Ein Jahr nach dem Kunstdiebstahl in Dresdens Grünem Gewölbe verhaftet die Polizei drei Verdächtige. Sie sollen dem Remmo-Clan angehören. Zwei mutmaßliche Clan-Mitglieder konnten wohl fliehen.

Die Razzia ist fast so aufsehenerregend wie der Diebstahl: Mehr als 1600 Polizisten suchen in Berlin nach Verdächtigen und Kunstschätzen aus dem Dresdner Grünen Gewölbe. Drei Verdächtige wurden verhaftet. Der Innensenator will die Festnahmen auch als Warnung an das Clan-Milieu verstanden wissen.

Der wochenlang geplante Einsatz der sächsischen Polizei in Berlin ist geheim, sein Ablauf ähnelt einer militärischen Operation: 1600 Polizisten aus acht Bundesländern sind zusammengezogen worden, viele sind mit Maschinenpistolen ausgerüstet, hinzu kommen die ebenfalls schwer bewaffneten Spezialeinsatzkommandos (SEK), darunter die GSG-9-Truppe des Bundes. In der Dunkelheit am Dienstagmorgen schlägt die Polizei in der Hauptstadt zu. Die Spezialkommandos stürmen zehn Wohnungen und durchsuchen Garagen und Autos, viele im Stadtteil Neukölln.

Ziel der Razzia: Mitglieder eines kriminellen Berliner Clans

Ihr Ziel: kriminelle Mitglieder des Remmo-Clans. Männer aus dieser bekannten arabischstämmigen Großfamilie wurden bereits wegen des Diebstahls einer Goldmünze aus dem Berliner Bode Museum 2017 und eines Einbruchs in eine Bank verurteilt. Der Verdacht: Familienmitglieder sollen auch den spektakulären Einbruch in das Historische Grüne Gewölbe in Dresden und den Diebstahl wertvoller Juwelen verübt haben.

Am Morgen des 25. November 2019 drangen zwei Täter in das berühmte Schatzkammermuseum im Dresdner Residenzschloss ein. Sie durchtrennten ein Gitter, stemmten ein Fenster heraus. Im Juwelenzimmer schlugen sie mit einer Axt Löcher in eine Vitrine und rafften mehr als 20 barocke Schmuckstücke aus Diamanten und Brillanten zusammen. Der von einer Kamera gefilmte Coup dauerte nur Minuten. Als die Polizei eintraf, waren Diebe und Beute verschwunden. Ein angezündetes Fluchtauto wurde in einer Garage entdeckt, mit einem weiteren Wagen, als Taxi getarnt, sollen die Diebe nach Berlin gefahren sein.

Die Kriminalpolizei in Sachsen bildete die 40-köpfige Sonderkommission (Soko) "Epaulette", benannt nach einem der wertvollsten Schmuckstücke, und setzte eine Belohnung von 500 000 Euro aus. Mehr als 700 Spuren wurden gesichert, weit mehr als 1000 Hinweise gingen ein. Ermittelt wurde auch gegen Wachmänner des Museums. Die Soko nahm auch zügig Kontakt zu einem Experten des Berliner Landeskriminalamts (LKA) für Kunstdelikte auf. Überhaupt dachten viele Beobachter schnell an Berlin und die kriminellen Clans. Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik sprach nach der Tat von Spekulationen – sagte aber auch: Die Parallelen zum Einbruch ins Bode-Museum seien "leicht erkennbar, dafür muss man nicht Kriminalist sein".

Mutmaßliche Täter haben offenbar zahlreiche Spuren hinterlassen

Die Spuren nach Berlin und – wie man jetzt weiß – zu dem Clan wurden konkreter. Aufnahmen der Überwachungskameras am und im Museum vor und während der Tat; die zahlreichen Spuren vom Tatort, "die den Beschuldigten zugeordnet werden konnten", sowie der Fund des zweiten Fluchtautos, ebenfalls mit Spuren der Verdächtigen – dies seien entscheidende Hinweise gewesen, so die Staatsanwaltschaft.

Am 2. September durchsuchte die Polizei ein Internet-Café in Neukölln und eine Wohnung. Ein Angestellter soll den Tätern SIM-Karten für Handys, die auf fiktive Namen registriert waren, verkauft haben. Die SIM-Karten wurden bei der Vorbereitung und Ausführung des Coups genutzt. Am 9. September wurden dann Autowerkstätten durchsucht. Dort soll das Fluchtauto mit Folien beklebt worden sein. Polizei und Staatsanwaltschaft gingen im Herbst von mindestens sieben Tätern aus. Und zeigten sich sehr zuversichtlich, sie zu fassen.

Im Visier des Dresdner LKA und der Berliner stehen nun fünf verdächtige junge Männer aus dem Clan. Drei von ihnen, zweimal 23 und einmal 26 Jahre alt, mit deutscher Staatsangehörigkeit, kann die Polizei am Dienstag verhaften. Einer von ihnen wurde im Februar wegen des Diebstahls der Goldmünze verurteilt, er befand sich bisher noch auf freiem Fuß.

Zwei mutmaßliche Clan-Mitglieder konnten wohl fliehen

Einen dieser Männer fasst die Polizei in einer Hochhauswohnung in Kreuzberg. Im Hauseingang und in einem Flur im ersten Stock sind bewaffnete Polizisten mit Helmen und vermummten Gesichtern zu sehen. Am einem der etwa 40 Klingelschilder steht der Name Remmo. Die drei Männer werden nach Dresden zum Haftrichter gefahren. Der Verdacht lautet auf schweren Bandendiebstahl und Brandstiftung. Kurz nach den Razzien veröffentlicht die Polizei Fotos von zwei weiteren Männern. Es sind Zwillinge, 21 Jahre alt, derselbe Nachname wie die anderen. Sie "konnten bislang nicht ergriffen werden", heißt es.

Die Großfamilie Remmo ist einer der bekanntesten Clans der Hauptstadt. Die Familie ist arabischstämmig, lebte im kurdischen Gebiet im Osten der Türkei und kam in den 80er-Jahren über den Libanon und Ost-Berlin nach West-Berlin. Die Justiz spricht von einer "hohen Anzahl" von Ermittlungsverfahren. Familienmitglieder standen nicht nur wegen der Goldmünze, dem Bankeinbruch, einem Überfall auf einen Geldtransporter sowie zahlreichen anderen Diebstählen und Drogendelikten vor Gericht, sondern auch im Zusammenhang mit einem Mann, der mit Baseballschlägern totgeprügelt wurde.

Die Diamanten wurden womöglich umgeschliffen

Die Berliner Staatsanwaltschaft beschlagnahmte im Juli 2018 in einer spektakulären Aktion 77 Grundstücke und Häuser von Clanmitgliedern im Wert von neun Millionen Euro. Die Polizei geht davon aus, dass die Immobilien mit Geldern aus Straftaten gekauft wurden. Dabei soll es Bareinzahlungen aus dem Ausland und Überweisungen gegeben haben. Die Clan-Anwälte gingen dagegen vor. Kürzlich wies das Kammergericht eine Beschwerde zurück. Die ersten beiden der Immobilien gehören jetzt dem Land Berlin, darunter eine Villa in Neukölln, in der der Clanchef wohnte.

Die Beute kann die Polizei bei den aktuellen Durchsuchungen nicht finden. "Die Kunstgegenstände stehen auf den Durchsuchungsbeschlüssen mit drauf. Da müsste man aber schon sehr viel Glück haben, wenn man die ein Jahr nach der Tat noch finden würde", sagt ein Sprecher der Dresdner Polizei. Ob die Schmuckstücke zerlegt und die Diamanten umgeschliffen wurden oder ob die Diebe sie als Ganzes verkauften, ist unklar. Beschlagnahmt werden aber von der Polizei Telefone, Computer und Kleidung. Sie sollen Beweise für eine Anklage vor Gericht liefern: "Die Ermittlungen sind noch lange nicht abgeschlossen. Das ist jetzt aber ein Meilenstein, diese drei Festnahmen."