Vertrackte Situation

Beschäftigte müssen bei Kurzarbeit mit Steuernachzahlung rechnen

Uwe Westdörp

Von Uwe Westdörp

Mi, 05. August 2020 um 19:25 Uhr

Wirtschaft

Das Kurzarbeitergeld ist steuerfrei. Trotzdem verlangt das Finanzamt mitunter eine Nachzahlung. Nicht alle Kurzarbeiter müssen Steuern nachzahlen, Vorsichtige legen dafür aber Geld zurück.

Beschäftigten den Job sichern und Unternehmen entlasten: Das ist das Ziel der Kurzarbeit. Millionen von Menschen arbeiten weniger, und das Arbeitsamt übernimmt 60 beziehungsweise (bei mindestens einem Kind) 67 Prozent des entfallenden Nettoentgelts. Angenehm auch: Das Kurzarbeitergeld ist steuerfrei. Aber Achtung: Es kann passieren, dass das Finanzamt Steuern nachfordert.

Warum ist das so? Das Kurzarbeitergeld wird zwar steuerfrei ausgezahlt. Es unterliegt aber dem sogenannten Progressionsvorbehalt, ebenso wie alle anderen Arten von Lohnersatzleistungen (zum Beispiel Arbeitslosengeld und Krankengeld). Das heißt: Das Kurzarbeitergeld wird zur Berechnung des Steuersatzes herangezogen. Und mit diesem erhöhten Satz wird das übrige Einkommen versteuert.
Erklär’s mir: Was ist Kurzarbeit?

Die Stunde der Wahrheit schlägt nach Abgabe der Steuererklärung. Die muss man machen, wenn man Kurzarbeitergeld bezogen hat. Die Ergebnisse können höchst unterschiedlich sein, wie die folgenden Beispielrechnungen zeigen. Es empfiehlt sich also, nach Möglichkeit etwas zurückzulegen für mögliche Nachforderungen.

Beispiel 1 – Single, drei Monate Kurzarbeit Null

Ein alleinstehender kinderloser Arbeitnehmer (Steuerklasse I), der gesetzlich renten-, pflege- und krankenversichert ist (mit durchschnittlichem Zusatzbeitragssatz), zahlt 2020 bei einem monatlichen Bruttoarbeitslohn von 4500 Euro monatliche Lohnsteuer in Höhe von 820 Euro. Unter der Annahme, dass der Arbeitnehmer 2020 insgesamt neun Monate normal arbeitet und für drei Monate Kurzarbeitergeld von 1638 Euro (Kurzarbeit Null) monatlich bezieht, wären in der Einkommensteuerveranlagung ein Jahresbruttolohn von 40 500 Euro (= neun Monate mit 4500 Euro) und Einkünfte unter Progressionsvorbehalt von 4914 Euro (= drei Monate mit 1638 Euro) zu berücksichtigen. Soweit darüber hinaus keine weiteren steuerrelevanten Sachverhalte zu berücksichtigen sind, ergibt sich eine festzusetzende Einkommensteuer von 6630 Euro. Von der für neun Monate gezahlten Lohnsteuer von insgesamt 7380 Euro werden somit 750 Euro bei der Veranlagung erstattet. (Quelle: Bundesfinanzministerium)

Beispiel 2 – Single, sechs Monate 50 Prozent Kurzarbeit

Ein Single (Steuerklasse I) erzielt ein Monatsbruttoeinkommen von 2500 Euro. 2020 erhält er für sechs Monate Kurzarbeitergeld 50 Prozent. Das heißt, er erhält in dieser Zeit einen monatlichen Bruttolohn von 1250 Euro und zusätzlich Kurzarbeitergeld. Letzteres beträgt für die ersten drei Monate jeweils 429 Euro und ab dem vierten Monat 500 Euro (insgesamt also für sechs Monate 2787 Euro). Für seinen regulären Arbeitslohn von 2500 Euro hat der Arbeitgeber bereits Lohnsteuer von monatlich rund 284,50 Euro und für den Arbeitslohn während der Kurzarbeit 21,25 Euro einbehalten (insgesamt für das Jahr 2020 also 1834,50 Euro). Mit dem Kurzarbeitergeld ergibt sich für 2020 eine festzusetzende Einkommensteuer von 2136 Euro. Da er durch den Lohnsteuerabzug lediglich rund 1835 Euro getilgt hatte, ergibt sich für diesen Single eine Steuernachzahlung in Höhe von 301 Euro. (Quelle: Bund der Steuerzahler)

Beispiel 3 – Verheiratet, zwei Kinder, drei Monate Kurzarbeit Null

Ein verheirateter Arbeitnehmer mit zwei Kindern (Steuerklasse III), der gesetzlich renten-, pflege- und krankenversichert ist (mit durchschnittlichem Zusatzbeitragssatz), zahlt 2020 bei einem monatlichen Bruttoarbeitslohn von 4500 Euro monatliche Lohnsteuer in Höhe von 481 Euro. Unter der Annahme, dass der Arbeitnehmer in 2020 neun Monate normal arbeitet und für drei Monate Kurzarbeitergeld von 2072 Euro (Kurzarbeit Null) monatlich bezieht, wären in der Einkommensteuerveranlagung ein Jahresbruttolohn von 40 500 Euro (= neun Monate mit 4500 Euro) und Progressionseinkünfte von 6216 Euro (= drei Monate mit 2072 Euro) zu berücksichtigen. Soweit darüber hinaus keine weiteren steuerrelevanten Sachverhalte zu berücksichtigen sind, ergibt sich eine festzusetzende Einkommensteuer von 3724 Euro. Von der für neun Monate gezahlten Lohnsteuer von insgesamt 4330 Euro (= neun Monate mit 481 Euro) werden somit 606 Euro bei der Veranlagung erstattet. (Quelle: Bundesfinanzministerium)

Beispiel 4 – Verheiratet, zwei Kinder, drei Monate 50 Prozent Kurzarbeit

Anders fällt die Rechnung aus, wenn derselbe Arbeitnehmer wie in Beispiel 3 für drei Monate nicht auf Kurzarbeit Null gesetzt wird, sondern sich seine Arbeitszeit ein Vierteljahr lang nur auf 50 Prozent reduziert. Dann steht nach einer Berechnung des Bundes der Steuerzahler eine Nachzahlung von 240 Euro an.

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