Wandern

Bewusste Auszeit im Räuberwald

Ronja Vattes

Von Ronja Vattes

Fr, 26. Juni 2020 um 13:30 Uhr

Simonswald

Der Alltag holpert wieder an. Zeit zum Durchatmen bleibt kaum. Die ersehnte Auszeit gelingt an einem kinderfreien Tag: Zwei Mamas auf Wildbach-Tour im Simonswäldertal.

Zu viel Arbeit und Stress im Büro, zu viel Alltag, zu viel Kinder-Organisations-Haushalts-Familienwahnsinn. "Mensch, Urlaub könnte ich brauchen, stöhnt die Freundin." "Sollen wir uns nicht einfach mal ausklinken?", frage ich. Wir sollen, finden wir beide. Und so stehlen wir uns hinfort. Ohne Kinder. An einem Mittwoch. Feiern quasi das Bergfest einer straff durchgetakteten Woche mit einer Wanderung im Simonswälder Tal.

Gefährlich schön

Die Warnung im Internet ist deutlich: Bei Nässe kann der Abstieg gefährlich rutschig sein! Die Wetter-App meldet zwar Sonnenschein, doch davor hat es seit Tagen geregnet. Die Wildbach-Tour, die wir eigentlich in Angriff nehmen wollen, ist mit elf Kilometern Länge und fast 700 Höhenmetern angegeben. Und mit steilen Passagen. Kategorie: schwer. Aber verlockende sechs Sterne in den Rubriken Erlebnis und Landschaft. Hm.

Wir entscheiden, auf Nummer Sicher zu gehen, ziehen Wanderstiefel an, packen unsere Stöcke ein – und wählen einen etwas anderen, kürzeren Streckenverlauf. Statt wie angegeben am Hohrain in Obersimonswald starten wir am Wanderparkplatz Herrengarten an der L 173. Der Haken: Ein paar hundert Meter müssen wir an der Landstraße entlang bergab, um auf die eigentliche Tour Richtung Vitenhof einzusteigen.

Die kurze, öde Teerpassage wird belohnt.

Wir tauchen ab

Ab dem Vitenhof ebben die Geräusche des Autoverkehrs ab, der Weg zieht sich durch zartes Frühlingsgrün bergan. Wir plaudern, genießen das ungestörte Reden, kein Kind hat drängende Fragen. Bald schon tauchen wir ein in die Teichschlucht. Das Rauschen des Baches wird lauter, unser Schwatzen aber verstummt. Sonnenstrahlen dringen wie lange Engelsfinger durchs Blättergewirr, kitzeln die dick bemoosten Felsen, über die das klare Wasser übermütig bergab zu springen scheint. Schweigend saugen wir alles in uns auf. "Das würde den Kindern auch gefallen", meint die eine. "Ein richtiger Räuberwald", nickt die andere.

An Gumpen, mannshohen Felsen, Geröllfeldern und umgestürzten Bäumen im Bannwald vorbei zieht sich der Pfad in der enger werdenden Schlucht weiter bergauf. Unter einem riesigen Felsblock zweigen wir Richtung Hintereck ab. Irgendwann wird der Weg wieder breiter, sanfter, geht stellenweise ein wenig bergab, zwischendurch öffnet sich der Blick Richtung Platte bei St. Märgen mit ihren Windrädern. Durchschnaufen.

Mit jedem Schritt lassen wir den Alltag zurück. Dann gibt der Wald uns frei.

Ansporn am Wäldersteig

Die letzten 100 Höhenmeter ab der Deifelibrücke hoch
"Wer d’ Wäldersteig nuff got innere halbe Stund, der brucht no kei Dokter, d’ sell isch no gsund!"
zur Vesperhütte Hintereck haben es in sich. "Wer d’ Wäldersteig nuff got innere halbe Stund, der brucht no kei Dokter, d’ sell isch no gsund!" verkündet ein Holzschild launig am Wegesrand. Unser Ehrgeiz ist geweckt. Im Zick-Zack-Kurs schraubt sich der Pfad am Steilhang empor. Wir schnaufen, das Herz pumpt auf Hochtouren. Weit unter einer halben Stunde erreichen wir die urige Hintereckhütte – geschafft!

Lachend plumpsen wir draußen auf eine der Bänke. Kein Streit unter Kindern entflammt, wer als Erster oben war, wer wo sitzen und überhaupt der Bestimmer sein darf. Welch’ eine herrliche Aussicht! In beiderlei Hinsicht.

Für eine Weile genießen wir die Ruhe an der geschlossenen Hütte, unser mitgebrachtes Vesper und Trinken.

Spektakulärer Abstieg

Gestärkt beschließen wir, doch den steilen Abstieg über den Spitzen Stein zu wagen – schließlich sind wir beide schon in alpinem Gelände erfahren – und bereuen es nicht. Was für ein spektakulärer Weg! Über Wurzeln, Steine, bemooste Felsen und lockeres Geröll geht es durch einen märchenhaft verwunschenen Wald. 300 Höhenmeter innerhalb eines Kilometers. Ein steiles Stück. Ein paar Rentner grüßen, die meiste Zeit aber haben wir den Wald, den Weg und die Wildnis für uns allein.

Viel zu früh endet der Abenteuerweg, wir treten blinzelnd aus dem dunklen Wald hinaus ins grelle Sonnenlicht, zurück in die Normalität. Unsere Abkürzung führt uns auf einem breiten Weg zurück zum Auto. Gut hat uns die Auszeit getan. Jetzt wollen wir nach Hause, haben den Kindern so viel zu erzählen. Ein letzter Kaffee am Auto, dann wird es Zeit. Wir werden wiederkommen und irgendwann nicht nur zu zweit.
INFO

DIE TOUR
findet sich unter http://mehr.bz/wild

Profil: 11 km, 670 Höhenmeter

Wichtig: Die Passage über den Spitzen Stein ist sehr steil und technisch anspruchsvoll, bei Nässe starke Rutschgefahr! Mögliche Streckensperrungen beachten.

Tipp: Es gibt kürzere Routen, siehe Kartenskizze auf der Webseite.

Einkehr: Vesperhütte Hintereck, nur bei gutem Wetter Do–So und feiertags geöffnet, http://www.hintereck.de


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