Biden will in der Krise mit Regierungserfahrung punkten

 Von Frank Herrmann

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Di, 17. März 2020

Ausland

Beim TV-Duell der US-Demokraten vor leeren Rängen schenken sich die Bewerber nichts / Unterliegt Sanders, will er Biden unterstützen.

WASHINGTON. Eine Fernsehdebatte ohne Publikum im Saal – das gab es lange nicht mehr, wenn sich die Anwärter für die Präsidentschaftskandidatur ihrer Partei, seien es Demokraten oder Republikaner, zu einem Wortduell trafen. Das untypische Ambiente war auch die eigentliche Nachricht, als Joe Biden und Bernie Sanders am Sonntagabend zu einem Streitgespräch antraten. Zu einem Streitgespräch, das den Namen verdiente, weil eben nicht wie bisher eine halbes Dutzend Wettbewerber um Aufmerksamkeit rangelten. In vorherigen Duellen wurde kaum ein Gedanke zu Ende geführt.

Schauplatz: ein CNN-Studio in Washington, drei Moderatoren, keine Zuschauerreihen. Nichts wurde aus der großen Bühne in Phoenix, der Millionenstadt in Arizona, wo die Diskussion stattfinden sollte. Die Corona-Krise lässt das große Format nicht mehr zu. Um den Umgang mit der Pandemie geht es in aller Ausführlichkeit, bevor irgendein anderes Thema zur Sprache kommt. Klar scheint: Es ist Biden, der politisch von der Krise profitiert. Im Unterschied zu dem Senator aus Vermont verfügt er, acht Jahre lang Vizepräsident an der Seite von Barack Obama, über Regierungserfahrung. Und die versucht er in die Waagschale zu werfen.

Für Gesellschaftsexperimente, wie sie dem linken Senator Sanders vorschweben, gibt er zu verstehen, sei eine solche Ausnahmesituation der falsche Zeitpunkt. "Es ist, als würde unser Land von einem äußeren Feind angegriffen. Dies ist ein Krieg", skizziert Biden die Lage. Heute, nicht morgen, wenn das Parlament vielleicht über die radikalen Reformvorschläge seines Kontrahenten berate. Heute müsse der Staat garantieren, dass er für medizinische Untersuchungen zahle, auch, wenn jemand nicht krankenversichert sei. Heute müsse er sicherstellen, dass jeder, der sich krank fühle, einen Arzt aufsuche, um sich womöglich auf das Virus untersuchen zu lassen, statt eine Krankheit aus Angst vor hohen Behandlungskosten zu verschleppen. Alles Weitere, sagt Biden, werde sich nach der Krise finden.

Sanders übt, bevor er zur Kritik an seinem Widersacher ansetzt, den Schulterschluss mit ihm – den Schulterschluss gegen Donald Trump. "Das Erste, was wir zu tun haben, ob ich nun Präsident werde oder nicht, ist, diese Präsidentschaft abzuschalten", betont er. Trump untergrabe die Autorität von Ärzten und Wissenschaftlern. Er schwafle, statt sachlich zu informieren, und stifte nur Verwirrung. Falls Biden das Kandidatenrennen gewinnt, macht Sanders schon jetzt deutlich, wird er ihm im Zweikampf gegen den Amtsinhaber natürlich den Rücken stärken. Dann folgt pointierte Kritik am Rivalen, dem er vorwirft, seinen Wahlkampf maßgeblich durch Spenden von Milliardären zu finanzieren, weshalb er auch deren Interessen vertreten müsse.

Dass die USA so schlecht gewappnet seien, um der Ausbreitung des Corona-Erregers zu begegnen, so Sanders, habe mit Konstruktionsfehlern eines extrem teuren und zugleich extrem ineffizienten Gesundheitswesens zu tun. Es gebe tausende verschiedene Varianten privater Krankenversicherung. "Das ist nicht mal in guten Jahren ein System, das allen Menschen eine Gesundheitsfürsorge garantiert, nicht mal dann, wenn wir es nicht mit einer Epidemie zu tun haben." Umso dringlicher, mahnt der 78-Jährige, müsse man sich mit seinem Konzept beschäftigen, "Medicare for All", einer ausschließlich aus Steuern finanzierten Alternative.

Biden hält entgegen, dass der italienische Gesundheitssektor ja schon nach diesem Prinzip funktioniere und die Corona-Krise die Schwächen Italiens aufzeige. Folglich könne Sanders’ Ansatz für Amerika keine realistische Lösung sein.

Am Rande, es geht fast unter, sorgt Obamas Vize noch für etwas, was in normalen Zeiten als Paukenschlag gelten würde. Ein Präsident Biden, stellt er in Aussicht, werde zum ersten Mal eine afroamerikanische Juristin für den Supreme Court nominieren. Zuvor werde er mit einer Frau als Kandidatin für die Vizepräsidentschaft ins Wahlfinale gegen Trump ziehen. Sanders hält sich noch bedeckt. "Aller Wahrscheinlichkeit nach", sagt er, werde er es ähnlich handhaben. Garantieren will er an diesem Abend allerdings nichts.