Verlassener Orte

Bildband zeigt "Lost Places" in Baden-Württemberg

Dominik Bloedner

Von Dominik Bloedner

Do, 05. Dezember 2019 um 10:45 Uhr

Südwest

Man kann die Stille sehen und spüren. Und auch die Traurigkeit, die manchem dieser verlassenen Orte innewohnt, die Benjamin Seyfang in einem aufwändigen Bildband zusammen gebracht hat .

Man kann die Stille sehen und spüren. Und auch die Traurigkeit, die manchem dieser Orte innewohnt. Zum Beispiel das Foyer in einem ehemaligen Kino irgendwo im Nordschwarzwald: Kein Plakat erinnert mehr an große Träume und große Dramen auf der Leinwand, Popcorn, Bier und Menschenschlangen vor der Kasse – all das ist Vergangenheit. Und dennoch strahlt dieser Ort sehr viel Würde aus. Genauso wie der leere, nur von Teelichtern erleuchtete Kinosaal mit seinen roten Sesseln und der Raum, in dem immer noch der alte Filmprojektor steht, der aber leider nicht mehr rattert.

Diese Fotoserie ist Teil des Projektes des Fotografen Benjamin Seyfang, 1988 in Esslingen geboren. Mehr als 100 eindringliche Fotos von verlassenen Orten, sogenannten Lost Places, hat er zusammengetragen.

Früher, als Jugendlicher, machte er Graffiti, seit 2012 fotografiert er auf der ganzen Welt die Vergessenheit – ein Genre, das seit einigen Jahren an Beliebtheit gewonnen hat. Da werden Geisterhäuser abgebildet, da wird die morbide Ästhetik gefeiert, da wird dem Gruselfaktor hinterher gejagt – und oftmals will man den Fotos durch übermäßige Nachbearbeitung oder Verfremdung einen zusätzlichen Kick geben.

Nicht so Benjamin Seyfang. Seine Bilder in dem Band über Baden-Württemberg zeichnet eine wohltuende dokumentarische Klarheit aus, sie sprechen für sich selber. Gerne geht er in den Untergrund, in verlassene Bergwerke, in die Keller von geschlossenen Fabriken oder Brauereien, in Luftschutzstollen oder in ehemalige Bunker wie jenen in Ulm, in dem bis Ende der 1980er Jahre Jazz gespielt wurde. Nun herrscht dort unten Ruhe – für immer. Das Moos wuchert.

So wie auch auf einem Autofriedhof am Kleinen Heuberg am Rande der Schwäbischen Alb. Hier verschmilzt ein alter VW-Käfer mit der Natur. "Ruhe in Frieden", schreibt der Autor. Beliebt und gut in Szene gesetzt sind auch ehemalige Gasthöfe, Sanatorien oder Hotels. Bekannt ist das Grandhotel Waldlust bei Freudenstadt – bis 2005 eine luxuriöse Adresse für Gäste aus aller Welt. Heute werden im Ballsaal mit den pompösen Möbeln und verzierten Marmorsäulen Gruselpartys gefeiert. Der Ort ist bekannt.

Die meisten der verlassenen Orte will Seyfang nicht preisgegeben – weil er sie vor Vandalismus und Diebstahl schützen will. Und nie sei er, der Urban Explorer, mit Gewalt eingedrungen. Sein Buch lohnt, es regt zum Innehalten und zum Staunen an.
Benjamin Seyfang: Lost Places Baden-Württemberg – Die Faszination verlassener Orte. Silberburg Verlag, Tübingen 2019. 192 Seiten mit 125 Abbildungen, 39,99 Euro.