Zuwanderung

Blühende Landschaften im Osten – dank Flüchtlingen?

Bernhard Walker

Von Bernhard Walker

Mi, 17. Februar 2016 um 00:00 Uhr

Deutschland

Ostdeutsche Unternehmer sehen in der Zuwanderung eine Chance für die Wirtschaft. Bernhard Walker beschreibt, wie Jugendliche aus Syrien und Eritrea für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden.

Seltsam still ist es. An diesem sonnigen Samstagnachmittag ist kaum jemand in der Zeitzer Innenstadt unterwegs. Nur hin und wieder gehen ein paar ältere Menschen durch die Straßen, vorbei an verfallenen, leerstehenden Häusern mit zugenagelten Fenstern. Trist ist es, keine Frage. Und doch auch überraschend schön. Denn nur wenige Schritte von den hässlichen Straßen entfernt, trifft man auf alte, renovierte Gründerzeithäuser – Häuser, die davon zeugen, dass Zeitz einst eine stolze Industriestadt war.

Doch der Reichtum früherer Zeiten ist lange vorbei. Wie viele Städte in den neuen Ländern hat auch der Ort in Sachsen-Anhalt nach der Wiedervereinigung viele Einwohner verloren und zeigt nun auf engstem Raum beides: die Größe vergangener Zeiten und die Folge des Strukturwandels der vergangenen 25 Jahre.

Just der Niedergang könnte nun, so paradox es klingt, die Trendwende für Zeitz werden. Immerhin hat die Stadt, was in den Ballungsräumen fehlt: bezahlbare Wohnungen. Eine sanierte 90-Quadratmeter-Wohnung kostet 400 Euro Miete im Monat. Was Jobs anbelangt, kann Oberbürgermeister Volkmar Kruse eine beachtliche Bilanz vorweisen. 500 Arbeitsplätze seien in den vergangenen Jahren neu entstanden. "Die Flüchtlinge sind eine große Chance für uns", sagt der FDP-Politiker: "Wir können gemeinsam die Zukunft sichern."

Wie Kruse denken viele Politiker und Unternehmer in den neuen Ländern. Als Kanzleramtschef Peter Altmaier im Oktober bei der Duderstädter CDU zu Gast war, rief ihm der Unternehmer Helmut Peter zu: "Geben Sie mir 20 Flüchtlinge, und ich mache daraus eine Peter-Klasse." Gesagt, getan. 30 junge Syrer und Eritreer werden in der Peter-Firmengruppe, die zwischen Göttingen und Erfurt mehrere Autohäuser betreibt, für eine Ausbildung fit gemacht. In Halle will die Spedition Papenburg in den kommenden Jahren 100 Flüchtlinge als Azubis zum Berufskraftfahrer einstellen, 30 Praktikanten sind derzeit schon im Unternehmen. Im Thüringer Landkreis Greiz fanden sich der Rotary-Club, der Kreis, die Handwerkerschaft und die Arbeitsagentur zusammen, um etwas Neues auszuprobieren.

In einem Internat der Handwerkskammer lernen 16 Jugendliche aus Eritrea, dem Irak und Syrien Deutsch und durchlaufen den Integrationskurs, während sie zugleich auf eine Lehre vorbereitet werden. Alles findet also unter einem Dach und aus einer Hand statt, was helfen soll, Brüche zu vermeiden – also den Leerlauf, der sich durchaus einstellen kann, wenn jemand erst Sprach- und Integrationskurs absolviert und dann monatelang kein Angebot für die berufliche Qualifizierung bekommt. Auch leben die 16 Flüchtlinge im Internat mit deutschen Lehrlingen zusammen. So entsteht ein Kontakt, der helfen kann, sich in der Fremde zurechtzufinden. Kammerpräsident Klaus Nützel lobt die Wissbegierde der jungen Zuwanderer: "Wenn die Hausaufgaben machen, leisten sie immer 30 Prozent mehr als verlangt." André Kühne von der Handwerkskammer Ostthüringen hat keinen Zweifel, dass den Flüchtlingen alle Chancen offen stehen. Derzeit gibt es im Kammerbezirk 454 offene Lehrstellen.

Ostdeutschland hat

Flüchtlingen viel zu bieten

Ähnlich ist die Lage in Cottbus, wo seit Kurzem Islam Ahmed als Ansprechpartner für Betriebe und Flüchtlinge tätig ist. Der 39 Jahre alte gebürtige Sudanese hat in Cottbus seinen Master gemacht und spricht Arabisch, Deutsch und Englisch. Dass sich den Zuwanderern in den neuen Ländern eine Perspektive bietet, belegt auch die Statistik. Fast durchgängig weisen Brandenburg, Sachsen, Thüringen sowie die meisten Arbeitsagenturbezirke von Sachsen-Anhalt niedrigere Arbeitslosenquoten auf als Berlin, Bremerhaven und weite Teile des Ruhrgebietes.

Jobs und bezahlbare Wohnungen: Ostdeutschland hat den Flüchtlingen also einiges zu bieten. Natürlich gibt es auch Pegida und Legida. Nur zeigen die fremdenfeindlichen Kundgebungen eben nicht das ganze Bild. Längst sind vielerorts Kommunalpolitiker, Unternehmer, Verbände und Bürger dabei, das Zusammenleben von Alteingesessenen und Neuankömmlingen zu gestalten.

Seit April amtiert die 31 Jahre alte Laura El-Khatib als Integrationsbeauftragte in Frankfurt/Oder. Man muss nur wenige Sätze mit ihr wechseln, um festzustellen, dass in der Oderstadt eine ausgesprochen engagierte Person am Werk ist. "Klar, kenne ich die ganzen Klischees, die über die neuen Länder unterwegs sind", sagt sie und fügt mit einem fröhlichen Lachen hinzu: "Dann arbeiten wir halt daran, sie zu widerlegen." Wenn El-Khatib und ihre Mitstreiter damit Erfolg hätten, wäre viel erreicht. Zeitz, Zeulenroda, Cottbus und Frankfurt/Oder bieten Zuwanderern fraglos mehr Chancen als Berlin, Dortmund, Hamburg oder Köln. Nun war es in der Migrationsgeschichte immer so, dass sich Neuankömmlinge dort niederließen, wo schon Landleute wohnten. Little Italy in New York und Chinatown in San Francisco sind auf diese Weise entstanden.

Das waren im 19. Jahrhundert durchaus die Ghettos, die SPD-Chef Sigmar Gabriel nun in Deutschland vermeiden will. Allerdings meinen Juristen, dass sich nicht vorschreiben lasse, wo ein Flüchtling auf Dauer wohne. Was Zwang nicht schafft, schafft vielleicht das Engagement der Akteure vor Ort. Wenn sich herumspricht, dass die neuen Länder Perspektiven bieten, mag sich die Wanderungsbewegung in die teuren Ballungsräume umkehren.