Klassik

Böhmen liegt in Franken: Jakub Hruša und die Bamberger Symphoniker brillieren mit Smetanas "Má Vlast" in Baden-Baden

Alexander Dick

Von Alexander Dick

So, 19. Mai 2019 um 19:28 Uhr

Klassik

Jakub Hruša und die Bamberger Symphoniker machen auf ihrer Tournee Station in Baden-Baden mit Bedrich Smetanas sinfonischem Zyklus "Má Vlast". Ein sensationeller Klassikabend!

Besitzen Orchester eine eigene DNA? Beispiel Bamberger Symphoniker: Während sie im Festspielhaus Baden-Baden die sechs sinfonischen Dichtungen von Bedrich Smetanas – leider viel zu selten gespielten – Zyklus "Má Vlast" spielen, denkt man darüber nach: Sind bei jenen Musikern der mittlerweile gut vierten Generation wirklich noch die Wurzeln jener Prager Deutschen Philharmonie spürbar, die 1946 im Oberfränkischen eine neue Heimat fand?

Es muss etwas dran sein. Denn dass Jakub Hruša, der erste tschechische Chefdirigent in der Geschichte des Orchesters, sich an der Regnitz so wohl fühlt, dass er seinen 2016 angetretenen Vertrag schon bis 2026 verlängert hat, zeugt von mehr als bloßer Sympathie. Da hat ein Künstler, der mitten auf dem Weg zu einer großen internationalen Karriere ist, sein Klanglabor gefunden. Und ein Orchester den Klangperformer, der seine individuellen Qualitäten am besten fördert. "Ma Vlast", mit dem das neue Traumpaar gerade eine Tournee begonnen hat, die von Prag bis Hamburg führt, ist der ideale Prüfstein. Die korrekte Übersetzung des Titels – "Meine Heimat", nicht "Mein Vaterland" – sagt viel über die Gemeinsamkeiten des Dirigenten aus Brünn und der Musiker aus Bamberg aus: "Má Vlast" ist künstlerische Heimat. Hruša dirigiert den Zyklus auswendig, mit großen, eleganten und ungemein präzisen Gesten. Er formt einen Klang, der sich als Mischung aus liebevoller Zuwendung, hoher Sensibilität und Vertrauen in das Archaische – nennen wir es ruhig: "Volkstümliche" – in Smetanas Komposition beschreiben lässt.

Herzstück der Interpretation ist der ungemein vielfältige, grandiose Holzbläsersound. Vom heulenden Klarinetteneinsatz über tiefdunkle Trauer der Bläser in "Vyšehrad" über die perlenden, zart flutenden Querflöten in "Vltava (Moldau)" oder den diabolischen Lockruf der Klarinette in "Šarka", der das Gemetzel, das die gleichnamige Amazonenkönigin anzettelt, einleitet – bis zum bukolisch-pastoralen Gesang in "Blanik": Authentischer kann diese Musik nicht klingen. Das gilt auch für die wunderbar homogenen, wandlungsfähigen Streicher. Wenn Hruša sie Polka oder Furiant spielen lässt (auch in den beiden Zugaben aus Smetanas Oper "Die verkaufte Braut"), ist das Tanz pur: ausgelassen, unverkünstelt.

Hrušsa und das brillante Orchester weichen dem Unakademischen bei Smetana nicht aus: Sie lassen, wie auch schon auf der gemeinsamen CD (Tudor 7196), Emotion zu. Und verstärken auch mal Effekte, etwa wenn der Dirigent die beiden Harfen in "Vyšehrad" für einen plastischen Dialog weit links und rechts positioniert. Kein Zweifel, Böhmen liegt an diesem Abend an der Regnitz – und damit glücklicherweise auch für einen Moment an der Oos.