Konflikt um Arbeitsbedingungen

Bundesarbeitsminister Heil enttäuscht die "Gorillas"

Gülay Alparslan

Von Gülay Alparslan

Mi, 21. Juli 2021 um 18:38 Uhr

Wirtschaft

Beim Lieferdienst "Gorillas" wird gestreikt. Jetzt hat sich Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) eingeschaltet. Die Mitarbeiter sind jedoch enttäuscht.

Santiago ist der Name eines Fahrradkuriers beim im vergangenen Jahr gegründeten Lieferdienst für Lebensmittel mit Namen "Gorillas", der auch in zahlreichen weiteren Großstädten wie etwa Stuttgart vertreten ist. Dem Kurierfahrer war Anfang Juni gekündigt worden, nachdem er zu spät zur Arbeit erschienen war. Daraufhin hatten zahlreiche Kolleginnen und Kollegen aus Solidarität zu ihm und für bessere Arbeitsbedingungen ihre Tätigkeit niedergelegt.

Weil die Proteste der Beschäftigten bereits mehrere Wochen andauern, wollte sich nun Arbeitsminister Heil vor Ort ein eigenes Bild von der Lage machen. Im Gespräch klagten die "Gorillas"-Mitarbeiter über die aus ihrer Sicht miserablen Arbeitsbedingungen. Unter anderem beanstandeten sie die sechsmonatige Probezeit bei einem befristeten Arbeitsverhältnis von einem Jahr sowie die Lohnzahlungen, die häufig fehlerhaft oder viel zu spät überwiesen würden.

Mitarbeiter beklagen sich über Ausrüstung

Die Ausrüstung lässt nach Ansicht der Mitarbeiter ebenfalls zu wünschen übrig. Kuriere müssten sich Fahrräder und Fahrradhelme teilen, die Regenbekleidung sei beschädigt und die Rucksäcke, mit denen sie die Ware ausfahren, viel zu schwer. Manchmal müssten Kuriere bis zu 20 Kilo auf dem Rücken tragen. Pausenräume seien entweder unzureichend ausgestattet oder überhaupt nicht vorhanden. Zudem behindere das Management die Gründung eines Betriebsrates.

"Als Arbeitsminister kann ich mich nicht unmittelbar in die Arbeitskämpfe einschalten, aber ich kann mich informieren." Arbeitsminister Hubertus Heil
Heil zeigte sich betroffen, erklärte jedoch: "Als Arbeitsminister kann ich mich nicht unmittelbar in die Arbeitskämpfe einschalten, aber ich kann mich informieren." Für ihn sei es wichtig, dass alle Unternehmen, auch die neu gegründeten in Deutschland, sich an Recht und Gesetz halten. Dazu gehöre es, dass Beschäftigte das Recht hätten, einen Betriebsrat zu gründen. Sollte das nicht der Fall sein, könnte man das von den zuständigen Behörden überprüfen lassen. Die Frage sei auch, ob es Bedarf gebe, neue Gesetze zu erarbeiten.

Gorillas-Mitarbeiter nennt Heils Äußerungen "leer"

Die "Gorillas"-Mitarbeiter zeigten sich enttäuscht. "Wir haben erwartet, dass er uns in unserem Streik unterstützt, dass er sich positiv zur Kündigungsschutzverkürzung und Probezeitverkürzung äußert. Wir haben erwartet, dass er sich auch mehr zum Teilbefristungsgesetz äußert. Das Einzige, wozu er sich letztlich geäußert hat, war das Arbeitsschutzproblem," sagte "Gorillas"-Beschäftigter Jakob Pomeranzev. Überhaupt nicht angesprochen habe Heil aus ihrer Sicht die Probleme bei den Lohnauszahlungen oder das Recht auf bezahlte Urlaubstage. Auch auf die 19 Forderungen der Beschäftigten an das "Gorillas"-Management sei Heil nicht eingegangen. Das Gespräch bezeichnete Pomeranzev als "leer".

Verdi unterstützt bei Betriebsratsgründung

Von den traditionellen Gewerkschaften erwartet Pomeranzev keine große Unterstützung. Diese hätten den Mitarbeitern lediglich von Aktionen wie deren Streiks abgeraten und seien nicht bereit, Risiken einzugehen. Auf Nachfrage teilte eine Mitarbeiterin der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) mit, dass man die "Gorillas"-Mitarbeiter anfangs sehr wohl unterstützt habe. Es wurden Bemühungen unternommen, eine Betriebsversammlung einzuberufen. Allerdings habe sich herausgestellt, dass die NGG laut ihrer Satzung nicht für die "Gorillas" zuständig ist, da das Unternehmen als Onlinekaufhaus beziehungsweise Lebensmittellieferdienst unter die Zuständigkeit von Verdi falle.


"Zu Streiks dürfen nach dem Gesetz nur Gewerkschaften aufrufen." Günter Isemeyer
Verdi-Pressesprecher Günter Isemeyer teilte mit, dass seine Gewerkschaft den "Gorillas"-Mitarbeitern "natürlich Unterstützung bei ihrer Betriebsratsgründung angeboten" habe. Nach Auskunft von Isemeyer fand eine Betriebsversammlung statt, bei der die Schwestergewerkschaft NGG anwesend war. Inzwischen sei auch ein neunköpfiger Wahlvorstand gewählt und habe seine Arbeit aufgenommen. Nach Meinung von Isemeyer könnte der Betriebsrat vieles, was bei den "Gorillas" momentan im Argen ist, abstellen. Es sei also auch im Interesse von Verdi, dass dort ein Betriebsrat installiert werde. Was die Streiks anbelangt, habe Verdi sie aus dem Grund nicht unterstützen können, weil es sich dabei um "wilde", also gesetzlich nicht erlaubte, Streiks handele. "Zu Streiks dürfen nach dem Gesetz nur Gewerkschaften aufrufen", sagte Isemeyer. Wilde Streiks seien nicht ganz ungefährlich für die Beschäftigten. Besser sei es, über die Gewerkschaft einen Tarifvertrag zu fordern, der die Missstände abstellt. Wenn der Arbeitgeber darauf nicht eingehe, könne die Gewerkschaft unmittelbar zu Streiks aufrufen.