Camp der Hoffnungslosen

Sieglinde Lemke

Von Sieglinde Lemke

Sa, 27. Februar 2010

Ausland

Wohin das reiche Amerika seine Armen abschiebt: Zu Besuch in einer Tent City bei Los Angeles.

Der Zeltplatz liegt unweit vom Flughafen zwischen zwei Bahnlinien. Alle dreißig Minuten donnert ein Güterzug mit feuerroten Waggons mit der Aufschrift Santa Fe vorbei. Die Zelte, die sich auf dem umzäunten Gelände befinden, sehen alle gleich aus. Vorletzte Nacht haben heftige Regengüsse den Platz überflutet, so dass das spärliche Hab und Gut der Obdachlosen völlig durchnässt wurde.

"Ich bin jetzt schon drei Jahre hier, wer weiß, ob ich hier jemals wieder rauskomme," sagt Brad Kramer. Unterm rechten Arm einen Golfschläger, unterm linken ein Schreibheft humpelt der frühere Profi-Football-Spieler vorbei an der schweren Eingangspforte zu seinem Zelt – eines von 65 in Ontarios Tent City, einem Zeltlager für Obdachlose 60 Kilometer östlich von Los Angeles.

Seit zweieinhalb Jahren nennt Brad das sechs Quadratmeter große Zelt sein Zuhause. Auch wenn er darin nicht aufrecht stehen kann und es weder Licht noch Wasser gibt, hält er das für "Luxus im Vergleich zur Parkbank." Da Brad offiziell zugelassener Bewohner des Armenlagers ist, kann er ungestört durch das Tor mit der Aufschrift "Unbefugten ist der Zutritt strengstens verboten" zu seiner bescheidenen Behausung gelangen.

Die weiße Tafel neben dem Maschendrahttor (siehe Foto Seite II) warnt davor, dass die Bewohner der Zeltstadt Kriminelle, Vergewaltiger oder mit Krankheiten Infizierte sein können. Die Liste der potentiellen Bedrohungen warnt zudem vor Körperverletzung, Diebstahl, Krankheit und Tod. Quer zur offiziellen Verlautbarung liest man handschriftlich ins Metall geritzt: "Don’t listen to a word they say" (Glaub’ denen bloß kein Wort). Mit Blick auf Ontarios Zeltlager, das euphemistisch "Camp Hope" (Hoffnung) getauft wurde, fragt man sich: Was macht Amerika mit seinen Armen, und was machen die Armen, um zu überleben?

Fast 40 Millionen US-Amerikaner leben unterhalb der Armutsgrenze, also von weniger als 10 991 Dollar im Jahr (654 Euro im Monat). Mit 13,2 Prozent hat der Anteil der Armen an der Gesamtbevölkerung einen ...

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