Corona stoppt Flüchtlinge in der Ägäis

Gerd Höhler und AFP

Von Gerd Höhler & AFP

Di, 12. Mai 2020

Ausland

Starker Rückgang der Schutzsuchenden aus der Türkei / Experten erwarten wachsenden Migrationsdruck nach Ende der Beschränkungen.

ATHEN. Das hat es noch nicht gegeben, seit die EU und die Türkei vor mehr als vier Jahren ihren Flüchtlingspakt schlossen: Innerhalb von fünf Wochen ist kein einziger Migrant von der türkischen Küste zu den griechischen Inseln gekommen. Auch in Deutschland ist die Zahl der Asylanträge wegen der Corona-Pandemie und verschärfter Grenzkontrollen gesunken. Fachleute sprechen von einer "Ruhe vor dem Sturm".

Noch im April 2019 erreichten fast 2000 Geflüchtete die griechischen Inseln der östlichen Ägäis. In diesem Jahr schafften am 1. April 39 Migranten die Überfahrt. Danach registrierten die griechischen Behörden fünf Wochen lang keine Ankunft. Erst am 6. Mai erreichte wieder ein Schlauchboot mit 51 Migranten die Insel Lesbos. Am Sonntag kamen 19 Iraner und Afghanen per Boot aus der Türkei.

Für den Rückgang der Migrantenzahlen gibt es laut Experten mehrere Gründe. Erstens verdirbt die Corona-Pandemie den Schleusern das Geschäft. Wegen der Reiseverbote in der Türkei ist es ihnen derzeit kaum möglich, unentdeckt Migranten an die Ägäisküste zu bringen.

Auch die Überfahrten sind schwieriger geworden. Griechenland müht sich verstärkt, seine Seegrenze abzuriegeln. "Aggressive Überwachung" nennt sich das Konzept. Mit mehr als 50 Booten der Küstenwache und zehn Kriegsschiffen patrouilliert Griechenland an der Grenze. Die EU-Grenzschutzagentur Frontex setzt weitere 24 Schiffe sowie Flugzeuge zur Überwachung ein. Ziel ist es, die Migrantenboote daran zu hindern, griechische Gewässer zu erreichen. 17 Boote mit Schutzsuchenden hat die griechische Küstenwache nach eigenen Angaben im April zurückgehalten und so geschätzt 700 irreguläre Einreisen verhindert.

Zudem dürften die türkischen Behörden die Schleuser stärker kontrollieren. Die Türkei verhandelt derzeit mit der EU über neue Finanzhilfen. Möglicherweise will Ankara die Gespräche nicht durch massive Migrationsbewegungen stören.

Ende Februar hatte Staatschef Recep Tayyip Erdogan die türkische Grenze zu Griechenland noch für geöffnet erklärt. Zehntausende Migranten wurden zur Grenze gebracht, belagerten die Übergänge zu Griechenland. Aber Griechenland sicherte die Grenze mit einem massiven Polizei- und Armeeaufgebot. Nur wenige hundert Migranten gelangten auf griechischen Boden; sie wurden festgenommen.

In einem Lagebericht der EU-Grenzschutztruppe Frontex, aus dem die Zeitung Die Welt zitiert, heißt es jedoch: Nach Aufhebung der Corona-Einschränkungen sei mit "massiven Bewegungen von Migranten in Richtung der griechisch-türkischen Grenze" zu rechnen. Auch in griechischen Regierungskreisen rechnet man mit verstärktem Migrationsdruck. Griechenland hat deshalb die Sicherung seiner Landgrenze zur Türkei weiter verstärkt. An dem Frontex-Einsatz an der griechisch-türkischen Grenze beteiligt sich Deutschland mit 80 Beamten.

Derweil ist auch in Deutschland die Zahl der Asylanträge wegen Corona und verschärfter Grenzkontrollen gesunken. In den ersten vier Monaten 2020 seien 29 132 Asyl-Erstanträge gestellt worden – 29 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum, meldet die Bild am Sonntag unter Berufung auf die zuständige Behörde Bamf. Die meisten kamen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak.