Das erinnerte Narrativ als Heimat

Julia Littmann

Von Julia Littmann

Fr, 24. Mai 2019 um 20:40 Uhr

Literatur & Vorträge

Die Bestsellerautorin Susan Abulhawa hat in Freiburg ihren neuen Roman "Nahrs letzter Tanz" vorgestellt

Als erfolgreiche Biologin arbeitete Susan Abulhawa mehr als ein Jahrzehnt in der Forschung. Dann aber startete sie fast unvermittelt in eine zweite, ganz andere Karriere – und schrieb ein Buch. Gleich dieser Erstling "Während die Welt schlief" aus dem Jahr 2010 entpuppte sich als Bestseller, übersetzt in 30 Sprachen – und allein in Deutschland mehr als 400 000 Mal verkauft. Derzeit tourt die palästinensisch-US-amerikanische Autorin mit ihrem jüngsten Roman, "Nahrs letzter Tanz", den sie dieser Tage auch in Freiburg auf Einladung von Café Palestine vorstellte.

Die 48-Jährige spricht zu ihrem Publikum schnörkellos und doch auffallend melodisch, wohlüberlegt, mal mit großem Ernst und mal mit gewitzter Heiterkeit. Sie liebt und genießt die Live-Lesung: Es sei ein Geschenk für jeden Autor, den eigenen Text den Leserinnen und Lesern persönlich zu Gehör bringen zu können. Dass sie als durchaus begeisterte Naturwissenschaftlerin spät zur Schriftstellerei wechselte, erklärt die Menschenrechtsaktivistin so: "Das Schreiben war immer schon bei mir, ich habe es nur sehr spät wahrgenommen."

So griff sie zu Block und Stift, als sie just zur Zeit der zweiten Intifada aus den USA nach Jerusalem gereist war – und nach ihrer Rückkehr damit haderte, wie über den palästinensischen Aufstand in den Medien berichtet wurde. Sie schrieb ihre Eindrücke, ihre Sicht der Dinge als essayistische journalistische Texte nieder und verkaufte sie mit Erfolg an Zeitungen. Das Unternehmen, in dem sie arbeitete, kündigte ihr daraufhin, diese Art von Nebentätigkeit war nicht erwünscht. Susan Abulhawa entschloss sich, ein Buch zu schreiben – die Geschichte einer palästinensischen Familie über vier Generationen in Jenin.

Ihr Fokus lag damals und liegt auch jetzt wieder auf den Frauenfiguren. Die Palästinenserin Nahr, deren Geschichte Abulhawa nun erzählt, lebt als Flüchtling in Kuwait, in Amman, kehrt zurück und durchlebt dabei ein Frauenleben in verstörender Bandbreite. Familie, Trennung, Sexarbeit aus materieller Not heraus – und schließlich die Politisierung: Abulhawa macht Nahr zur Revolutionärin, die all dieses im Gefängnis Revue passieren lässt. Sie sympathisiere mit ihren Figuren, sagt Susan Abulhawa – und lerne sie quasi im Schreibprozess kennen. Sie interessieren nicht die Heldinnen, denen alles gelingt – sie mag die, die sich durchschlagen müssen, die anecken.

Und ziemlich genau so eine ist Nahr, die den Tanz liebt, die gegen die Haft anerzählt und die allen Schrecklichkeiten zum Trotz auch ihre große Liebe erlebt. Naher, die unangepasst und forsch ist, ängstlich und unerschrocken – widersprüchlich und liebenswert.

Die Heimatlosigkeit des Flüchtlingsexils ist eines von Abulhawas großen Themen, die Sehnsucht nach Rückkehr in die familiäre Heimat beschreibt sie unverhohlen. Susan Abulhawa hat selbst als Kind diverse Entwurzelungen überstehen müssen – von Kuwait nach der Trennung ihrer Eltern für einige Jahre zum Onkel in die USA geschickt, nach Amman, weiter in ein Kinderheim nach Jerusalem und schließlich zurück in die USA. Ihre palästinensische Identität sei ihr Heimat, erklärt sie: "Ich bin Geschichtenerzählerin geworden, weil ich immer auf der Suche nach unserer Heimat war." Das erinnerte Narrativ als Heimat – das ist auch, was ihre Protagonistin Nahr hütet – und über das sie ihre eigene Deutungshoheit behält.

Dass die Romanfigur und ihre Schöpferin zwei dezidiert unterschiedliche Gestalten sind, liegt auf der Hand. Zwei palästinensische Frauen, die Ähnliches erleben und doch je eigen agieren. Susan Abulhawa engagiert sich nicht nur schreibend für die palästinensische Sache. Sie war einst Erstunterzeichnerin für den BDS-Boykott-Aufruf, eine Kampagne, die Israel wirtschaftlich, kulturell und politisch isolieren will, und hat eine Initiative gegründet, die Spielplätze für palästinensische Kinder baut. Auf Konferenzen legt sie dar, was die jahrzehntelange Besatzung für Palästinenser an steter Unterdrückung bedeutet. Die Bestsellerautorin hadert damit, dass die Menschen, die an der Macht seien, das Narrativ kontrollierten und die Historie nicht beschrieben haben wollten: "Aber überall begegnet mir viel Neugier an unserer Geschichte, die Menschen wollen Fragen stellen und diskutieren." Susan Abulhawa ist eine, die beides schätzt.

Susan Abulhawa: Nahrs letzter Tanz. Roman. Diana Verlag, München 2019. 432 Seiten, 22 Euro.