Jüdische Geschichte

Das waren einst die Bewohner des heute leerstehenden Hauses in der Müllheimer Werderstraße

Rolf Schuhbauer

Von Rolf Schuhbauer

Fr, 02. September 2022 um 18:17 Uhr

Müllheim

Blick auf die Geschichte des Hauses anlässlich des Europäischen Tags der Jüdischen Kultur am Sonntag. Dort lebte bis 1935 die jüdische Familie Zivi.

Wer vor dem Häuschen Werderstraße 22 in Müllheim steht und die Straße zum Schillerplatz überqueren will, wundert sich vielleicht, dass da die Treppe von der Eingangstür in den Gehweg hineinragt. Er ahnt aber nicht, dass er selbst dabei auf privatem Grund steht, der nur als Gehweg genutzt wird. Wundern wird er sich vielleicht auch, dass dieses Häuschen seit Menschengedenken so dasteht und immer erbarmungswürdiger aussieht. Was hat es damit auf sich?

In einem Bericht des "Landesamts für Denkmalpflege" heißt es unter anderem, "Das kleine Haus, das aus der Zeit vor der Stadtwerdung Müllheims stammt, ist als Dokument für die Baustruktur des Ortes vor seinem beachtlichen Aufschwung im frühen 19. Jahrhundert im Zuge der Erhaltung der Stadtrechte anzusehen. Häuser wie dieses dürften bis zum frühen 19. Jahrhundert den Charakter von Müllheim wesentlich geprägt haben. Das Objekt ist ein Kulturdenkmal aus wissenschaftlichen, vor allem baugeschichtlichen Gründen; die Erhaltung liegt insbesondere wegen des dokumentarischen Wertes im öffentlichen Interesse."

In Müllheim gab es eine blühende jüdische Gemeinde

Weiter heißt es da: "Das eingeschossige, zur Werderstraße hin traufständige Gebäude dürfte im späten 18. Jahrhundert... erbaut worden sein. ... Die Fenster mit ihren einfachen Rechteckformen dürften in ihrer Form noch aus der Erbauungszeit stammen."

Wer waren aber ursprünglich die Eigentümer diese Häuschens? In Müllheim gab es eine jüdische Gemeinde von 1718 bis zu ihrem gewaltsamen Ende 1939, als die letzten jüdischen Männer, Frauen und Kinder unter Zwang die Stadt verlassen hatten.

Der erste Vorsteher dieser Gemeinde war Paul Zivi. Einer seiner Nachkommen war Moses Zivi Josefsohn, der im Jahr 1878 für 700 Mark das Anwesen mit der Flurstücknummer 275 erwarb. Moses war damals 35 Jahre alt und verheiratet mit Talmine, eine geborene Guggenheim aus der Schweiz.

Müllheim hatte einen Viehmarkt und vor und um 1900 waren einige Juden als Vieh- und Pferdehändler zu Wohlstand gekommen. Als Beruf von Moses Zivi ist aber nur Handelsmann erwähnt. Reichtümer hatte er wohl keine und von seinen Glaubensgenossen wurde er etwas herablassend der "Rändle-Mosche" genannt. Und das hat mit dem Häuschen zu tun.

Jene hatten zum Teil in der Hauptstraße und nahe der dortigen Synagoge Häuser erworben oder bauen lassen, die den Erfordernissen ihres Handels oder ihrer Geschäfte besser gerecht wurden. Das Häuschen des Moses Zivi stand damals aber am Rande der Stadtbebauung an der Nahtstelle zwischen Ober- und Untermüllen. Die "Neue Straße", aus der später die "Werderstraße" werden sollte, war zu dem Zeitpunkt, als Moses Zivi das Haus erwarb, noch nicht fertig gebaut. Jenseits war freies Feld.

Ein möglicher Ort der Begegnung und des Gedenkens

Moses Zivi starb am 6. Februar 1927 und ist hier beerdigt. Das Häuschen erbten zusammen seine Witwe Talmine (geborene Guggenheimer) und Tochter Elsa Zivi. Die Witwe bewohnte das Haus noch bis 1935, dann verkaufte sie es an den Bahnschaffner Hans Nürnberger für 4000 Reichsmark.

Talmine Zivi wanderte in die Schweiz aus und zog zu ihrer Tochter Elsa. Von Hans Nürnberger ging das Haus durch Erbfolge an den jetzigen Eigentümer über.

Nachdem durch einen unrühmlichen Beschluss die Stadt Müllheim im Jahr 1968, dreißig Jahre nach ihrer Schändung, die Synagoge abgerissen hatte, um Parkplätze zu schaffen, verblieb eigentlich nur noch der Friedhof als ein Ort, der daran erinnert, dass es in Müllheim einmal eine blühende jüdische Gemeinde gegeben hat – und das Moses-Zivi-Haus. Sieht man einmal davon ab, dass am Platz der Synagoge ein Gedenkstein zwischen all den parkenden Autos errichtet wurde und dass auf Initiative von Schülern 22 Stolpersteine verlegt wurden. Der Eigentümer des Häuschens ging auf viele Kaufangebote nicht ein, weil alle mit einem Abriss verbunden waren.

Eine mögliche Verwendung für das Häuschen, das sich weder als Wohn- noch als Geschäftshaus eignen würde, wäre ein Ausbau zu einer Stätte der Begegnung, des Gesprächs und des Gedenkens. Dafür bräuchte es aber viele Unterstützer.

Das Ehepaar Inge und Rolf Schuhbauer befasst sich seit Mitte der 80er Jahre mit den Schicksalen der jüdischen Bürgerinnen und Bürger Müllheims. Damals wurde der Arbeitskreis "Jüdische Geschichte in Müllheim" ins Leben gerufen.

Europäischer Tag der Jüdischen Kultur am Sonntag, 4. September. Im Markgräfler Museum ist dann freier Eintritt, es gibt Zusatzinformationen im Bereich Jüdische Geschichte und einen Broschürenverkauf; in der ehemaligen Synagoge Sulzburg, Gustav-Weil-Straße 18, sprechen Inge und Rolf Schuhbauer ab 15.30 Uhr zur Erinnerungsarbeit in Müllheim.