Interview

Deep Purple veröffentlichen ihr 21. Studioalbum "Whoosh!"

Steffen Rüth

Von Steffen Rüth

Sa, 08. August 2020 um 15:36 Uhr

Rock & Pop

Auch ältere Rocker sind nicht immer fit. Deep Purple ist es wieder. "Alles ist eine Frage der Energie", sagt Ian Gillan. Der Sänger von Deep Purple spricht im Interview über das 21. Studioalbum "Whoosh!".

Deep Purple, das sind im Jahr 2020 immer noch: Ian Gillan, Roger Glover, Ian Paice, Steve Morse and Don Airey. Die britische Rockband ruht sich auf ihrem 21. Studioalbum namens "Whoosh!" freilich kein bisschen auf den Lorbeeren aus, sondern brilliert mit waschechter Purple-Power und kraftvollen Songs wie "Drop The Weapon", räudigem Soul ("What The What") und knackigem Bluesrock ("No Need To Shout"). Steffen Rüth hat mit Sänger Ian Gillan (75) telefoniert, den er an der englischen Südküste erreichte.

BZ: Nach dem 2017 erschienenen Album "inFinite" und der darauffolgenden "The Long Goodbye" betitelten Welttournee, spekulierten einige Beobachter, Sie würden kein weiteres Studioalbum mehr aufnehmen. Wie kam es doch dazu?
Gillan: Bei uns liefen die Dinge gesundheitlich vor etwa drei Jahren nicht besonders gut, die Alterskrankheiten rückten uns innerhalb der Band stark auf die Pelle. Inzwischen geht es uns allen wieder besser, die Energie kam nach und nach zurück. Alles bei uns ist eine Frage der Energie. Wenn sie schwindet, werden wir darauf reagieren.

BZ: Als Produzent ist zum dritten Mal in Folge Bob Ezrin an Bord. Was sind seine besonderen Qualitäten?
Gillan: Er macht den Prozess der Albumaufnahme für uns klarer und entschiedener. Er ist unser Navigator, räumt die Felsbrocken aus dem Weg und sorgt dafür, dass wir konzentriert sind. Er sagt uns praktisch vor jedem Album: "Jungs, ich will keine Songs hören, ich will Musik". Wir alle bei Deep Purple, die wir uns ja in allererster Linie als eine Instrumentalband begreifen, atmen dann immer tief ein und denken: "cool".

BZ: Apropos: Wovon singen Sie in "Drop The Weapon"? Einerseits scheint es ein Anti-Waffen-Song zu sein, andererseits schimpfen Sie über die Hippies mit ihrem Love & Peace-Ansatz.
Gillan: Flower Power war eine fantastische Idee, aber leider nur in der Theorie. In einer Gesellschaft, in der jeder ausschließlich Liebe und Frieden im Herzen trägt, bräuchte man tatsächlich keine Waffen. Nur sind eben nicht alle Menschen ausschließlich rein und gut. Ich höre mit Schrecken von all diesen jungen Menschen, die auf den Straßen Londons, aber auch anderswo durch Messergewalt sterben. Da geht es dann um Bandenkriminalität, um Drogen, um irgendwelche Reviere. Jemand sollte einen Arm um diese Kids legen und sagen "Nimm die Waffe erst gar nicht in die Hand".

BZ: Der Text zu "No Need To Shout" greift den Typus des klassischen Machtpolitikers an. Geht es in dem Stück um einen konkreten Volksvertreter, etwa um US-Präsident Trump?
Gillan: Nein, es ist eher eine ironische Attacke auf so gut wie alle Menschen mit politischer Macht, mit denen wir uns aktuell herumquälen müssen, insbesondere hier in Großbritannien. Früher waren "links" und "rechts" Standpunkte, aus denen sich oft spannende Diskussionen entwickelten. Mal neigte man der einen Position zu, mal der anderen. Heute ist Politik vollkommen ideologisch geworden. So kommt es nicht zu Kompromissen, sondern immer wieder zu unüberbrückbaren Differenzen.

BZ: Wer ist damals zuerst auf Ihre Stimme aufmerksam geworden?
Gillan: Ich wuchs mit Musik auf, sie war immer ein großartiger und verlässlicher Freund von mir. Mein Opa sang Oper, meine Oma war Ballettlehrerin, mein Onkel ein Jazzpianist. Ich habe immer gern gesungen, als Junge ging ich in den Kirchenchor. Wenig später hörte ich zum ersten Mal "Heartbreak Hotel" von Elvis Presley – daraufhin hatte ich das Gefühl, dass sich mein Leben änderte.

BZ: Jungs, die im Knabenchor singen, stellt man sich als höfliche und gut frisierte Kinder vor. Waren Sie ein braver Typ?
Gillan: Nein, ich war eher ein frecher Junge. Wir Chorknaben waren weit davon entfernt, kleine Engel zu sein, auch wenn wir so aussahen. Musikalisch hat mich die Zeit im Kirchenchor sehr geprägt. Ich bekomme immer noch feuchte Augen, wenn ich Chorgesang höre. Überhaupt gilt meine Liebe seit jeher den verschiedensten Formen von Musik. Aus was für unterschiedlichen Charakteren Deep Purple geformt wurden, spricht doch für sich: Wir hatten die orchestralen Einflüsse und die Hammond-Orgel von Jon Lord, Ritchie Blackmore mit seinem unvergleichlichen Gitarrenstil, den von Big Bands und Swing beeinflussten Ian Paice, den Hippie und Kunststudenten Roger Glover, der alles an Folk Music liebte und Bob Dylan vergötterte, naja, und dann mich...

BZ: Das Album "Deep Purple in Rock" wird dieses Jahr 50. Was bedeutet Ihnen das Jubiläum?
Gillan: Oh, echt? Ja, stimmt. Aus Jubiläen und Geburtstagen mache ich mir nicht viel. Ich kann mich aber noch sehr lebhaft erinnern, wie wir 1969 zusammen bei Deep Purple eintraten. Danach ging alles sehr schnell. Für mich ist "In Rock" ein phantastisches Album, ich erinnere mich noch an die Aufregung und Erregtheit zu jener Zeit. Wir standen Abend für Abend drei Stunden lang auf der Bühne und hatten danach noch genug Feuer im Arsch, um neue Songs aufzunehmen. Es war eine sehr fruchtbare Zeit, alles passte. Wir waren damals nicht zu stoppen.
Deep Purple: Whoosh! (Ear Music).
Live: 18. Juli 2021, Lörrach, Stimmen-Festival; 23. Juli, Colmar, Foire aux Vins.