Interview

"Der Bahnhof ist immer ein sozialer Brennpunkt"

David Umhauer

Von David Umhauer

Fr, 12. Juli 2019 um 10:35 Uhr

Freiburg

Zum 125-jährigen Jubiläum der Bahnhofsmission gibt es im Freiburger Bahnhof einen Gottesdienst. Co-Leiterin Sarah Gugel erzählt von den aktuellen Aufgaben und der Geschichte der Organisation.

Sarah Gugel, 31 Jahre alt, ist studierte Religionspädagogin und Sozialarbeiterin. David Umhauer sprach mit der Co-Leiterin der Bahnhofsmission Freiburg über die Arbeit der Bahnhofsmission und den Jubiläumsgottesdienst am Freitag, 12. Juli, um 20 Uhr in der Bahnhofshalle.

"Wir müssen in der heutigen Gesellschaft multikulturell offen sein."

BZ: Der Name Bahnhofsmission erscheint ja recht altertümlich. Missionieren Sie wirklich noch?
Gugel: Nein. Natürlich ist die Bahnhofsmission aus den Kirchen heraus entstanden. Wir haben auch immer wieder religiöse Kontakte, einfach weil Menschen, wenn sie in einer Krise sind, beispielsweise unsere Suchtkranken, deren Freunde sterben oder ein Alkoholiker, der einen neuen Lebensweg beginnen will und Angst hat, auf der Straße zu sterben, auch religiöse Fragen stellen und wenn wir das spüren, sind wir bereit, darüber zu reden. Wir müssen in der heutigen Gesellschaft aber natürlich auch multikulturell offen sein.

"Es geht darum, ein Ruheort für Menschen zu sein und Orientierung zu geben."

BZ: Wie sehen denn Ihre aktuellen Aufgaben aus?
Gugel: Wir haben überwiegend mit wohnungslosen, suchtkranken und armen, alten, einsamen Menschen oder mit Menschen mit psychischen Erkrankungen zu tun. Es geht darum, ein Ruheort für Menschen zu sein und Orientierung zu geben. Das heißt, wir wissen, wo es jeweilige Fachberatungen in Freiburg gibt, welche die zuständigen Behörden sind, welche Wege man in der Not gehen kann. Zum Beispiel, wenn eine Frau aus häuslicher Gewalt flieht und dann am Bahnhof strandet.

BZ: Dieses Jahr feiert die deutsche Bahnhofsmission 125-jähriges Bestehen. Wie lange gibt es die Bahnhofsmission in Freiburg?
Gugel: Die wurde 1903 gegründet von zunächst katholischen engagierten Frauen, schnell kamen evangelische Frauen hinzu. Lange wurden die Räumlichkeiten zwar geteilt aber ansonsten streng getrennt, mit den Jahren hat der ökumenische Gedanke aber immer mehr Einzug erhalten, sodass wir nun eine Einrichtung sind. Formal liegt die Verantwortung aber immer noch bei den beiden Trägern, In Via, einem katholischen Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit, und der Evangelischen Stadtmission Freiburg.

"Zuletzt gab es eine Verlagerung auf Krisensituationen."

BZ: Wie hat sich die Arbeit in Freiburg seit 1903 verändert?
Gugel: Gegründet wurden wir in der Zeit der Landflucht und Industrialisierung. Junge Menschen vom Land kamen oft in schwierige Arbeitsverhältnisse, wurden ausgebeutet oder in die Prostitution gedrängt. Das war der Anlass zu sagen, wir wollen vor Ort sein und zuverlässige Ansprechpartner sein. Dann kam die Zeit, da leisteten wir viel Reisehilfe für alte Menschen oder Menschen für Behinderung. Das war zu Zeiten, in denen es noch keine Aufzüge gab und Inklusion noch nicht so im Fokus der Gesellschaft stand. Zuletzt gab es eine Verlagerung auf Krisensituationen. Bahnhof ist immer sozialer Brennpunkt, ein Ort, an den Menschen stranden, daher ist das momentan der Kern unserer Aufgaben.

BZ: Welche Aktionen haben Sie anlässlich des Jubiläums in Freiburg geplant?
Gugel: Wir veranstalten einen Jubiläumsgottesdienst in der Bahnhofshalle. Es kommen Funktionsträger, Unterstützer der Bahnhofsmission, die ehrenamtlichen Helfer und auch unsere Gäste, überwiegend aus dem Suchtkrankenbereich, sind eingeladen. Der Gottesdienst wird von all diesen gemeinsam durchgeführt

BZ: Wieso haben Sie die Bahnhofshalle als unkonventionellen Ort des Gottesdienstes ausgewählt?
Gugel: Das war für uns das Naheliegendste. Unserer Räume wären dafür zu klein und weg vom Standort Bahnhof zu gehen würde für uns nicht passen. Denn das ist der Sozialraum, für den wir stehen und in dem wir agieren.

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