Schönste Radtouren (15)

Auf dem Drei-Welten-Radweg vom Hochrhein zum Bodensee in den Schwarzwald

Matthias Maier

Von Matthias Maier

Mi, 17. Mai 2017

Südwest

BZ-SERIE "DIE SCHÖNSTEN FAHRRADTOUREN" (15): Auf dem Drei-Welten-Radweg vom Hochrhein zum Bodensee und in den Schwarzwald /.

Eintauchen in eine andere Welt – in diesem Augenblick werden diese Worte für uns greifbar. Eben sahen wir noch alte Bauernhäuser am Wegesrand, jetzt Bungalows mit privatem Seezugang. Eben noch Apfelbäume am Feldrain, jetzt Zypressen in den Vorgärten, akkurat getrimmt. Der Drei-Welten-Radweg hat den Hochrhein verlassen und folgt nun dem Uferverlauf des Bodensees. Hier, am Ortseingang von Öhningen-Kattenhorn, bleibt dem Radwanderer der Übergang von einer Welt in die andere nicht verborgen.

Hochrhein, Bodensee und Schwarzwald: Durch diese drei Landschaftsräume führt die 302 Kilometer lange Rundtour. An Flüssen, Seen und engen Schluchten entlang, zu Europas größtem Wasserfall, durch Wälder, weite Täler und über Hochebenen, an Weinbergen und erloschenen Vulkanen vorbei, ein Stück weit auf einer stillgelegten Bahntrasse – und das größtenteils auf ruhigen Feld-, Wald- und Radwegen.

Hochrhein: Wein und Wasserfall

Als Startpunkt wählen wir einen Ort am Drei-Welten-Radweg, der mit der Bahn leicht zu erreichen ist. Titisee oder Villingen bieten sich für Radwanderer aus dem Oberrheintal an – Waldshut-Tiengen für solche vom Hochrhein. In der Doppelstadt an der Schweizer Grenze beginnen auch wir unsere Reise. Nach den ersten flachen Kilometern kommen wir im Anstieg nach Bechtersbohl erstmals gehörig ins Schnaufen. Wer hier noch Luft hat, sollte einen Abstecher zur Küssaburg einschieben. Lohn für die zusätzlichen 1,8 Kilometer mit bis zu neun Prozent Steigung: ein exzellenter Rundumblick von der Burgruine. In der nächsten Ortschaft Geißlingen ignorieren wir den Wegweiser, der uns auf direktem Weg nach Schaffhausen schicken will, und folgen weiter der Rad-Route 77. Knifflige Stellen wie diese, an denen die Wegführung nicht sofort klar wird, sind bei der Tour äußerst selten. An einer Handvoll Abzweigungen fehlt ein Schild, andernorts wurden Wegweiser verdreht – oder entsprechen für kurze Abschnitte nicht dem Streckenverlauf auf unserer Karte. Meist ist der richtige Weg aber kinderleicht zu finden.

Durch die Hügellandschaft des Klettgaus fahren wir über die Grenze, in das größte Weinbaugebiet der deutschsprachigen Schweiz. Blauburgunder ist rund um Trasadingen, Hallau und Neunkirch die häufigste Rebsorte. Weithin sichtbar ragt die weiße Bergkirche St. Moritz bei Hallau aus den Weinbergen empor.

Kurz vor Schaffhausen bestaunen wir ein besonderes Naturschauspiel. Auf einer Breite von 150 Metern stürzen im Schnitt gut 370 Kubikmeter Wasser den Rheinfall hinab – pro Sekunde! Neben tosenden Wassermassen gibt es in Schaffhausen eine Altstadt mit Renaissancegebäuden und die Festung Munot zu sehen. Wer darauf verzichtet, wird am Rheinufer durch die Stadt geleitet. Und kann die Klarheit des türkis schimmernden Flusses bestaunen, der deutlich sauberer ist als noch vor zwei Jahrzehnten.

Bodensee: Künstler Und Vulkankegel

Bei Stein am Rhein erreichen wir den Bodensee. Fachwerkbauten, filigrane Fassadengemälde, das Museum Lindwurm – in dem Schweizer Städtchen lässt sich gut und gerne ein Nachmittag verbummeln. Gleiches gilt für die zahlreichen Strandbäder am Rheinufer und am Bodensee.

Generell ist es ratsam, genügend Zeit für den Drei-Welten-Radweg mitzubringen. Für ambitionierte Radler sind die gut 300 Kilometer zwar durchaus in zwei Tagen machbar. Warum aber nicht sich Zeit lassen, um möglichst vielfältige Eindrücke und Erlebnisse mit nach Hause zu nehmen? Und die Distanz auf sechs, sieben oder gar acht Tage verteilen?

Von Stein am Rhein folgen wir dem Bodensee-Radweg um die Halbinsel Höri, die im vergangenen Jahrhundert namhafte Künstler anzog. Zeitweise lebten hier unter anderem Hermann Hesse, dem in Gaienhofen ein Museum gewidmet ist, und der Maler Otto Dix. Genau wie wir heute waren einst wohl auch sie angetan vom südländisch anmutenden Licht, in das die Sonne den Bodensee vor allem in den Abendstunden taucht.

Zwischen Gaienhofen und Radolfzell durchqueren wir Naturschutzgebiete mit unberührten Uferstreifen und Rieden – für Naturfreunde einer der schönsten Abschnitte der gesamten Tour. Nachdem wir dem See den Rücken gekehrt haben, türmt sich kurz hinter Singen der Hohentwiel auf, der wohl bekannteste der Vulkanberge im Hegau, die allesamt von einer Burgruine gekrönt sind oder es früher einmal waren. Rund um Tengen müssen wir eine Weile kräftig in die Pedale treten. Die Anstiege gehören zu den anstrengendsten Passagen der Tour – sind aber selbst für mäßig trainierte Radler zu bezwingen.

Am Ortsausgang von Fürstenberg halten wir kurz inne. Bis zu 30 Kilometer weit reicht der Blick über die Raps-, Mais- und Weizenfelder auf der Hochebene Baar. Als Ziel einer Tagesetappe bieten sich hier einige Städte an: Donaueschingen mit dem Fürstenschloss samt Park; Bad Dürrheim mit seinem Sole-Heilbad oder Villingen mit seiner historischen Altstadt und dem Franziskanermuseum.

Schwarzwald: Berge und Bähnle

Hinter Villingen lernen wir beide Quellflüsse der Donau kennen. Sowohl die Brigach als auch die Breg schlängeln sich in ihrem unteren Verlauf durch breite, grüne Täler. In Bräunlingen – wie Villingen eine Zähringerstadt – halten wir kurz am Wegrand und lauschen mit Hilfe unserer Smartphones dem Radweggeflüster, einer Besonderheit des Drei-Welten-Radwegs. Per Audiodatei, die wir zuvor im Internet heruntergeladen haben, klärt uns ein Sprecher im lokalen Dialekt über die Besonderheiten und die Geschichte der Stadt auf. Zu 21 Orten am Rand der Strecke ist das Radweggeflüster verfügbar.

Am Ufer des nahen Kirnbergsees drehen Spaziergänger ihre Runden, auf dem Wasser zwei Stand-up-Paddler. Von hier führt uns die "Lange Allee" fast sieben Kilometer weit auf einer holprigen Lehmpiste schnurgerade und stets mit leichter Steigung durch den Wald. Entschädigt werden wir oberhalb von Eisenbach durch ein famoses Alpenpanorama. Rasant fahren wir danach einige Kilometer bergab nach Neustadt und Titisee, vorbei an Bauernhöfen mit Geranien vor den Fenstern und gemütlich wiederkäuenden Rindern auf saftig grünen Weiden – Schwarzwald wie aus dem Bilderbuch.

Der wohl originellste Abschnitt der Tour beginnt hinter Neustadt. Der Bähnle-Radweg folgt dem Verlauf einer 1977 stillgelegten Bahntrasse. Teilweise auf dem alten Bahndamm, teilweise parallel dazu, geht es oberhalb der Haslach-Schlucht nach Lenzkirch und weiter über das Klausenbachviadukt nach Bonndorf. Am ehemaligen Bahnhof Kappel-Grünwald reisen wir im Geiste in jene Zeit zurück, als dort schnaubende Dampfloks ankamen und abfuhren. Auf den Feldwegen zwischen Bonndorf und Ewattingen reicht der Blick noch einmal weit in alle Richtungen. Dann bringt uns eine acht Kilometer lange Abfahrt ins Tal der Wutach. Flussaufwärts hat das Wasser eine der eindrucksvollsten Schluchten Deutschlands in den Fels gegraben. Unser Radweg folgt der Wutach jedoch abwärts ins breiter werdende Tal, bis zu ihrer Mündung in den Hochrhein – wieder hinab in die Welt, wo unsere Reise begonnen hat.

Morgen lesen Sie:
Von Hofladen zu Hofladen im
Wein- und Ostgarten der Ortenau

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