Jubiläum

Der Freiburger Audiobuch Verlag wird 25 Jahre alt

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

Mo, 25. März 2019 um 11:57 Uhr

Wirtschaft (regional)

Der Sonntag Corinna Zimber hat ein Näschen für Talente. 1994 gründete sie den Freiburger Audiobuch Verlag, seither produziert sie Hörbücher. Die Ideen, sagt sie, seien ihr oft beim Dackelspaziergang gekommen.

Begonnen wurde in der Wohnung der Verlegerin Corinna Zimber, auch zum 25-jährigen Bestehen 2019 gibt man sich beim Freiburger Audiobuch Verlag unprätentiös, leistet aber Beachtliches.

"Das antike Rom und seine Umgebung", Sprecherin Corinna Zimber. Die Verlegerin kramt ihr eigenes Werk aus den Anfangstagen des Verlages mit einem Lachen aus einem Regal. "Ich habe in München und Berlin klassische Archäologie studiert und auf den langen Autofahrten dorthin meine Liebe zu Hörbüchern entdeckt." Klassiker wie Thomas Mann oder Theodor Fontane hat sie sich so angeeignet, SWR-Mann Gert Westphal war ihr damals der liebste Sprecher. In Staus wiederum half ihr Loriot dabei, nicht die Laune zu verlieren.

"1994, als Jeff Bezos Amazon gründete, habe ich den Audiobuch-Verlag gegründet", amüsiert sich Zimber. Erst nur als Versandhandel, aber bald schon als Verlag. Jetzt ist der Freiburger, gemeinsam mit dem DHV, der letzte verbliebene große unabhängige Buchverlag. Jetzt geht er mit seinem Frühjahrs-Programm ins Jubiläumsjahr, besteht seit 25 Jahren. Die großen Player bei den Hörbüchern gehören wie der Hörverlag, DAV oder der Argon-Verlag alle zu einer Gruppe wie etwa Randomhouse oder Holzbrinck. Oder sie haben ein gesplittetes Geschäftsmodell und damit noch weitere Geschäftszweige wie Lübbe Audio. "Wir sind zum letzten Mohikaner geworden", lacht Zimber.

"1994, als Jeff Bezos Amazon gründete, habe ich den Audiobuch-Verlag gegründet."Corinna Zimber


Die Kandelstraße liegt etwas versteckt im Freiburger Norden, und wenn es nicht das Kandelhof-Kino gäbe, wäre sie wohl noch wesentlich weniger Freiburgern bekannt. Die Häuser liegen hier alle nur auf einer Straßenseite, gerade und ungerade Nummern wechseln sich miteinander ab. Von Nummer 38 gehört Zimber und ihren Mitstreitern seit ein paar Jahren das gesamte Erdgeschoss. Unscheinbar wirkt der Verlagssitz. Früher war es noch bescheidener, die Anfänge von Audiobuch liegen in der Herdemer Wohnung der Chefin. Das Team besteht neben Zimber aus dem für den Vertrieb zuständigen Maik Reumann, Julien Wollny (Produktion), aus der halbtagsarbeitenden Ilse Laubis (Organisation) und der Volontärin Marta Reiss. Bis zu seinem Engagement als Bundestagsabgeordneter hat der Romanist Matern von Marschall, der zuvor beim Buchverlag Herder volontierte, noch gemeinsam mit Zimber die Geschäfte geführt. "Wir waren beide Besitzer von Dackeln und viele kreative Ideen entstanden bei unseren gemeinsamen Dackelspaziergängen", erinnert sich Zimber. Heute ist von Marschall noch gleichberechtigter Verlagsmitinhaber, seine Rolle im Vertrieb hat aber Maik Reumann übernommen.

Eine Marktnische

"Es gab damals nicht viele Verlage, die Hörbücher angeboten haben, das Thema war nicht so präsent", blickt Zimber zurück. "Ich habe daher eine Marktnische gesehen." Zimber profitierte auch von der dem Fall der Mauer folgenden Öffnung der ehemaligen DDR-Bibliotheken für "Westliteratur": "Als die Stadtbibliothek Halle anrief und für 15 000 Mark Hörbücher orderte, dachte ich mir: ,So, jetzt geht es los’". Zimber wandte sich in den Anfangsjahren des Verlags verstärkt an Stadtbibliotheken, Krankenhäuser und Altersheime als Großabnehmer, ehe nach und nach auch die Privatleute als relevante Abnehmergruppe die Hörbücher entdeckten.

Bereits begann der Audiobuch-Verlag, Eigenveröffentlichungen zu produzieren. Zimber entdeckte Sprecher wie Hubertus Gertzen oder Frank Arnold, arbeitete auch immer wieder mit Freiburger Schauspielern wie Doris Wolters oder Janina Sachau.

Um das Jahr 2003 machte das Freiburger Team den Wandel von der Kassette zur CD mit. "Die großen Händler stellten damals schlagartig um, eine kurze Zeit haben wir noch beides angeboten", erinnert sich die Verlegerin. Das Aus für die lange Zeit noch in den Anlagen von Autos geschätzten Hörbuchkassetten war unvermeidlich. "Dabei hat die Kassette einen unschätzbaren Vorteil", betont Zimber. "Man holt sie, wenn man von einer Fahrt angekommen ist, aus dem Auto, steckt sie zu Hause in den Rekorder und ist wieder genau an der Stelle, an der man unterbrechen musste."

Wie überlebt ein unabhängiger Verlag zwischen den immer mehr miteinander verschmelzenden großen Häusern? Es ist wie in der Fußball-Bundesliga: Man muss ein Näschen haben für Talente, die vor dem Durchbruch stehen. Ein solches Gespür bewies Corinna Zimber vor allem mit Simon Beckett und seinem Debüt "Die Chemie des Todes". 200 000 Exemplare verkaufte der Verlag schon von seinem Bestseller, bekam eine goldene und eine Platin-Schallplatte überreicht, die die Verlagsräume zieren. "Sein zweiter Band wurde uns dann schon weggeschnappt, aber den ersten wollte noch niemand haben." Ein anderes Beispiel ist Kathrin Sheppard. Sie brachte Thriller im Eigenverlag heraus, "und ich habe gesehen, dass da was läuft."

Auch mehrere deutsche Buchpreisträger hat Zimber in ihrem Angebot. "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" von Frank Witzel etwa, oder "Landgericht" von Ursula Krechel. Da war es aber weniger die Spürnase, sondern die Flexibilität, fix nach der Preisvergabe zum Weihnachtsgeschäft ein Hörbuch fertigzumachen, die dem Audioverlag den Zuschlag brachte. "Solche Bücher sind auch nicht automatisch rentabel, gerade Krechel brach nach dem ersten Buchpreis-Rummel regelrecht ein", erinnert sich Zimber ungern.

Schließlich sind die Verlegerin und ihr Team erfinderisch, mitunter schon regelrecht verspielt in der Präsentation und Aufmachung ihrer Produkte. Etwa wenn es um ihre als Adventskalender gestalteten Hörbücher geht. Oder als man beim Alexander-von-Humboldt-Werk "Das Buch der Begegnungen" die Leinen-Optik des im Manesse-Verlag erschienenen Buches nachempfunden hat.

Seit ein bis zwei Jahren hat im Audiobuch-Verlag auch das digitale Angebot zugenommen, in Form von Downloads und Streaming. Der "physische Bereich", wie ihn Zimber nennt, bleibt aber erstaunlich und erfreulich konstant. Das gilt vor allem für anspruchsvollere Belletristik. Während Krimis, Thriller und historische Romane eher über die digitale Schiene laufen, verkaufte sich etwa "Kriegslicht" von Michael Ondaatje ("Der englische Patient") vor allem als haptisches Hörbuch. "Wir verdienen nach wie vor hauptsächlich dort." Immer mehr an Bedeutung gewinnen gegenüber der herkömmlichen CD dabei aber die MP3-CDs. Diese sind zwar mit sehr alten Anlagen nicht kompatibel, dafür können sie sowohl in einer Anlage abgehört als auch auf einen USB-Stick gezogen werden. Und sie ermöglichen es, bis zu 1 000 Hörbuchminuten auf einer CD unterzubringen. Vorbei also die Zeiten der dicken Schuber zur Vertonung von literarischen Wälzern? Nicht ganz: "Manchmal setzen wir herkömmliche CDs auch noch ganz bewusst ein, um einem Produkt eine gewisse Wertigkeit zu verleihen."