Der lange Weg zum größeren Publikum

Jürgen Schickinger

Von Jürgen Schickinger

Fr, 08. Januar 2021

Literatur & Vorträge

SACHBUCH: Brian Clegg schreibt über 150 wissenschaftliche "Bücher, die die Welt veränderten" – von der Antike bis heute.

Für Jungfrauen und Knaben ungeeignet. So warnte das britische Wochenmagazin The Graphic 1901 vor "The Human Figure", einem Wissenschaftsbuch des Amerikaners Eadweard Muybridge (1830–1904). Der hatte einen Mechanismus entwickelt, "mit dem er mittels einer Batterie an Kameras eine Reihe von Fotografien in schneller Folge schießen konnte", schreibt Brian Clegg. Ein weiteres so entstandenes Werk von Muybridge, "Animal Locomotion", ist sein berühmtestes. Für Clegg fallen Muybridges Titel unter die "Bücher, die die Welt veränderten". Denn Muybridge konnte mit seinen Bildserien die Bewegungen von Lebewesen analysieren. In "The Human Figure" waren es nackte Menschen.

"Die bedeutendsten Werke der Naturwissenschaft von Archimedes bis Stephen Hawking" heißt der Untertitel von Cleggs reich illustriertem Band. Darin arbeitet sich der Autor an einer Auswahl von 150 Büchern wunderbar durch Jahrtausende Wissenschaft bis zur Gegenwart vor. Jede Auswahl ist angreifbar. In der von Clegg fehlen beispielsweise Bücher von Edward O. Wilson, Stephen Jay Gould, Elizabeth Kolbert oder Stephen Pinker. Doch die meisten großen Namen sind vertreten, teils auch mehrfach.

Vogelzeichnungen im Abonnement

Brian Cleggs kurze Inhaltsbeschreibungen, Einordnungen und Kommentare sind zudem treffend und leicht verständlich. Sie bringen die Bücher in Zusammenhang zum Großen und Ganzen – zu Vorbildern, gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen.

Ohne die aufstrebende Fotografie wäre Eadweard Muybridge zumindest wissenschaftlich nicht berühmt geworden. "Traurige Berühmtheit", so Clegg, genoss er bereits zuvor: Er hatte den Liebhaber seiner Gattin ermordet. Die Geschworenen am Gericht hielten sein Verhalten für angemessen und sprachen ihn frei.

"Animal Locomotion" nennt Clegg "in vielerlei Hinsicht" Muybridges "Meisterwerk". Es ist als Buch erst nach seinem Tod erschienen, weil sich Fotografien zu seiner Zeit nur schwer vervielfältigen ließen. Schon bei kleinen Auflagen waren die Kosten enorm, schreibt Clegg: "Wie (Ernst) Haeckel verkaufte er die Drucke zuerst in Sets."

Der Ornithologe und Zeichner John James Audubon (1785–1851) veröffentlichte sein legendäres Buch "Birds of America" sogar im Abo. Pro Lieferung bekamen Abonnenten ab 1827 eine Blechdose mit fünf wunderschönen Vogelzeichnungen. Letztlich kosteten alle 435 Drucke auf heute umgerechnet fast 30 000 Euro. Eine komplette Sammlung ging 2010 auf einer Auktion für zehn Millionen Euro weg. Allerdings "brachte Birds of America die Wissenschaft nicht wirklich voran", urteilt Clegg. Bedeutend sei die "visuelle Pracht" des Werks, wodurch es "zum Objekt der Begierde für gewöhnliche Bürger gemacht" wurde.

Clegg erzählt auch eine Geschichte der Öffnung. Seit der Erfindung des Buchdrucks hätten die Gelehrten ihr Denken und Wissen mit der Öffentlichkeit teilen können. Das große Publikum suchten aber nur ganz wenige von ihnen. Statt in der Wissenschaftssprache Latein gab etwa Sebastian Münster (1488–1552) seine "Cosmographia" (1544) auf Deutsch heraus, "für das Volk". Mehr als hundert Autoren arbeiteten an der Enzyklopädie mit. Ihr Schwerpunkt liegt auf den Geografien verschiedener Länder und Regionen. "Viele herrliche Karten" zeigt der "Bestseller" (Clegg): Er verkaufte sich allein in deutschen Landen 50 000 Mal.

Erfolgreich waren auch Muybridges Fotoserien. Sonst hätte The Graphic nicht davor gewarnt, "The Human Figure" offen auf dem Salontisch liegen zu lassen. Sonst wären auch nicht gravierte Kopien seiner Fotofolgen aufgetaucht, ohne Muybridge als Urheber zu nennen. Er klagte gegen die Kopisten. Diesen Gerichtsprozess verlor er. Immerhin verkauften sich Bücher von Muybridge wesentlich besser als die der Motivdiebe. Darüber hinaus würdigte ihn die Universität von Pennsylvania wenig später als Pionier.

Ab dem 19. Jahrhundert sprachen Wissenschaftsbücher verstärkt interessierte Laien an. Bis weit ins 20. Jahrhundert blieb es trotzdem zumeist Forschenden vorbehalten, wissenschaftliche Bücher zu schreiben. Die vielfach spröden Werke "zeichneten sich häufig durch einen bevormundenden Tonfall aus", findet Clegg. Ab 1980 setzten sich ihm zufolge populärwissenschaftliche Bücher durch, oft verfasst von Textprofis – "für ein anspruchsvolles Publikum geschrieben, das bessere und leicht zugänglichere Texte erwartet".

In dieser Weise führt Clegg farbig und spannend vor, wie sich die Wissenschaft und eines ihrer Sprachrohre gewandelt haben. Den Schluss bildet – entgegen dem Untertitel, der mit Hawking endet – "Das hässliche Universum" (2018) von Sabine Hossenfelder. "Eine schlagkräftige Analyse der Probleme in der modernen Herangehensweise an die Physik", befindet Clegg. Die deutsche Physikerin beschreibt, warum viele Wissenschaftler an Theorien auch "nach Ablauf ihres Haltbarkeitsdatums" festhalten. Solche Werke, die Autoritäten hinterfragen, statt Theorien einzutrichtern, hält Clegg für zeitgemäß: Moderne Wissenschaftsbücher sollen es erlauben, sich selbstständig ein Bild davon zu machen, worum sich Wissenschaft dreht.

Brian Clegg: Bücher, die die Welt veränderten. Aus dem Englischen von Sabine Schmidt-Wussow. Haupt Verlag, Bern 2020. 272 Seiten, über 330 Abbildungen, 36 Euro.